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Theologische Orientierung Jahr 2020 Nr.198

Published by The Virtual Library, 2023-07-08 16:27:16

Description: Theologische Orientierung Jahr 2020 Nr.198

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TO spezial NO. 198 // APRIL  JUNI 2020 wKRenISnEalleGslaaunbdeenrs, ist ALBRECHT BENGELHAUS 1

krise glauben, wenn alles anders ist IMPRESSUM // Herausgegeben von Dr. Clemens Hägele im Auftrag des Vereins Albrecht-Bengel-Haus e. V. Ludwig-Krapf-Str. 5 // 72072 Tübingen // Telefon 07071/7005-0 // Fax 07071/7005-40 // E-Mail [email protected] Internet www.bengelhaus.de // Autoren: Rektor Dr. Clemens Hägele, Studienassistent Andreas-Christian Heidel, Tutorin Lea Weber, Studienleiter Matthias Riedel, Studienleiter Dr. Friedemann Fritsch, Studien- leiter Dr. habil. Matthias Deuschle // Konzeption, Gestaltung und Satz: Antje Kray // Druck: Primus Print Fotos: istockphoto.com 2 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG SPEZIAL // NO. 198 // APRIL  JUNI 2020

Liebe Leserinnen und Leser, wie so vieles in diesen Wochen ist auch diese TO, die Sie in Ihren Händen halten, anders als geplant. Das Format ist kleiner, der Umfang schmäler, das Layout einfacher. Der Grund ist der, dass wir Zeit sparen wollten, um schneller auf die Ereignisse reagieren zu können. Wenn man bei einer Krise überhaupt von „Vorteilen“ sprechen kann, dann vielleicht deswegen, weil einen eine Krise zwingt, Dinge zu klären: Welche Prioritäten setze ich jetzt? Wie gehe ich geistlich mit der Situation um? Wie will ich nach der Krise weitermachen? Was macht mich jetzt krisenfest? Um all diese Dinge soll es im vorliegenden Heft gehen. Wir wünschen Ihnen viel Gewinn beim Lesen! Wie stehen die Dinge im Bengelhaus? Für das Zusammenleben gelten klare Regeln, um das Ansteckungsrisiko im Haus zu minimieren und uns nicht zu einem Risiko für die Menschen außer Haus werden zu lassen. Es wird ein sehr „digitales“ Semester werden. Wir wollen die Studienbegleitung aufrechterhal- ten, aber das wird nur über digitale Medien gehen können. Alle sogenannten „Außendienste“ wie Bibelabende, Vorträge, Gottesdienste etc. fallen aus (sofern wir sie nicht ebenfalls medial durchführen können). Das ist schmerzlich, weil auch diese Kontakte zum Kern des Hauses gehören. Wir freuen uns sehr, wenn wir wieder hinaus „ins Land“ fahren können. Noch eine Nachricht, die ich wegen des anderen Formats der TO gerne hier ins Editorial aufnehme: Der Kreis der theologischen Mitarbeiterinnen und Mit- arbeiter hat sich erweitert. Pfarrer Dr. habil. Matthias Deuschle arbeitet seit April als Studienleiter im Bengelhaus und hat hier gleich einen Artikel beige- steuert. Wir freuen uns sehr und werden ihn zu einem späteren Zeitpunkt aus- führlich vorstellen. Behüt Sie Gott! Dr. Clemens Hägele Rektor des Bengelhauses 3

Angst als Machtfrage Angst ist Teil des Systems - aber das System ist veraltet I. Angst ist ein Merkmal des Lebens Angst kommt von dem Wort Enge. Das Gefühl der Angst breitet sich aus, wenn es „eng“ wird im Leben. Eng wird es, wenn ich mich meiner Möglichkeiten und Freiheiten beraubt sehe. Eng wird es, wenn Sicherheiten, auf die ich mich immer verlassen konnte, wegbrechen. Eng wird es, wenn andere plötzlich meinen Lebensraum bedrohen, wenn ich in ihnen nur noch Feinde sehe, die mich anstecken könnten – oder Riva- len, die im Supermarkt die Regale leerräumen. Eng wird es, wenn ich alleine zuhause sitze, weil niemand mehr kommen will oder kommen darf – wenn ich immer öfter darüber nachdenke, mit wem ich in den letzten Tagen Kontakt hatte, und mir dann die abenteuerlichsten Phantasien ausmale, wie „ES“ mich angesteckt haben könnte. Insofern ist die gesellschaftliche Situation in unserem Land und derzeit überall der ideale Nährboden für Angst und angstgesteuertes Verhalten. Angst ist aus Sicht der Bibel Teil eines Systems, das die Bezeichnung „Welt“ (griechisch: Kosmos) trägt. Welt ist nicht die von Gott ins Leben gerufene und geordnete Schöpfung. Welt ist ein Machtgefüge, welches versucht, sich der Schöpfung, der Men- schen, ihrer Gedanken und Gefühle zu bemächtigen. Und das geschieht im Wesentlichen mit zwei Mitteln: mit der Versuchung (du kannst alles haben) und mit dem Schrecken (du musst sterben, und dann ist alles vorbei). „In der Welt habt ihr Angst“, sagt Jesus. Er sagt das ohne jeden Vorwurf. Und er sagt es nicht zu Fremden, sondern zu seinen Jüngern, zu Leuten, die an ihn glauben und ihm nachfolgen (Johannes 16,33a). Auch wenn Jesus immer wieder dazu auffordert, sich nicht zu fürchten, so weiß er doch: Angst gehört zum irdischen Leben dazu, auch für Glaubende, 4 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG SPEZIAL // NO. 198 // APRIL  JUNI 2020

auch für Sie und mich. Und alle Ängste lassen sich letztlich zurückführen auf die Angst vor dem Tod. Die Welt bietet uns nicht nur fast unbegrenzte Mög- lichkeiten der Entfaltung. Sie ist auch der Raum, in dem es für jeden Menschen eng und immer enger wird, und zwar schon durch den ganz natürlichen Pro- zess des Alterns und Vergehens. Aber natürlich auch durch Krankheiten und schlimme Ereignisse wie die jetzige Krise. Auch durch die Veränderung des Klimas, die einem Teil der Menschheit ihre Lebensräume wegnimmt. Wenn dann immer mehr Menschen ihre Länder verlassen, weil sie dort nicht mehr leben können, dann wird es an anderen Orten eng, furchtbar eng – wie in den Lagern an der Grenze zwischen der Türkei und Griechenland. Es ist schlimm, dass im Moment niemand mehr dorthin schaut, auch nicht an andere Orte der Welt, wo Menschen auch ohne Corona in die Enge und letztlich in den Tod getrieben werden. Angst macht sprichwörtlich blind, wenn es darum geht, die größere Not der anderen zu sehen – jedenfalls ist das eine Gefahr, in der auch wir Christen stehen. II. Entscheidend ist, wer die Macht hat Menschen sind also in gewissem Sinn auf Angst geeicht und dafür emp- fänglich, manchmal auch davon getrieben. Und doch macht Jesus deutlich, dass es sich bei der Angst nicht nur um eine existentielle Veranlagung han- delt, sondern auch um eine System-Frage, genauer, um eine Macht-Frage. Wer also hat die Macht? Wer hat das Sagen in meinem, in Eurem Leben? Angst haben ist menschlich, kann manchmal sogar lebensnotwendig sein. Nur wenn die Angst unser Denken und Handeln und auch den Glauben beherrscht, dann sind wir ernsthaft bedroht. Das System „Welt“ möchte gerade Christen in seine Abhängigkeit bringen, es möchte uns einschüchtern, Unruhe stiften, zum Schweigen bringen. Es möchte unseren Blick und unser Herz von Jesus wegziehen. Es möchte uns blind machen für den Nächsten und seine Nöte. Aber das darf und das muss nicht mehr passieren. Seid getrost. Ich habe die Welt überwunden, sagt Jesus. (Johannes 16,33b) Durch seine Hingabe, durch sein Sterben und Auferstehen hat Jesus das System außer Kraft gesetzt, welches Gier und Angst erzeugte. Es ist vorbei mit der Übermacht der Versuchung, die Menschen von einem Genuss zum anderen trieb. Es ist vorbei mit der Übermacht der Angst, die uns krampfhaft an allem festhalten ließ, was Sicherheit und Leben versprach. Nun kann ich überwinden, in enger Bindung an ihn und sein Wort. Befreit bin ich vom ängstlichen Kreisen um mich selbst. 5

Meine engen Blicke werden offen und weit. Ich sehe Menschen in Not, die mich brauchen. Ich entdecke aber auch Menschen, die den Weg Jesu schon gehen, die anderen dienen und mich als Mitstreiter suchen – oder wenigstens als Unterstützer. Sie haben das System verlassen, auch wenn Furcht und Sorge sicher noch da sind. Sie fordern mich und Euch heraus, es auch zu tun. Dazu gehört jede Geste, die Vertrauen stiftet und innere Isolation überwindet. Dazu gehört, dass Christen gerade jetzt das Spenden nicht vergessen, die Hilfe für Menschen in den Krisen- und Kriegsgebieten. Dazu gehört aber auch das Gebet, die Fürbitte für Menschen, die ihr Leben in den Dienst anderer stellen, für Ärzte und Pflegekräfte, die Kranke zu ret- ten versuchen. Fürbitte für die Geistlichen, die in die Krankenhäuser gehen, um Sterbenden das Licht der Auferstehung zu bezeugen; ich nenne stellver- tretend für viele den katholischen Priester Don Giovanni Musazzi in Mailand (www.faz/net.de). Ich schaue an diesem Märztag aus meinem Fenster: Es schneit auf Narzis- sen und Krokusse. Der Frühling wird kommen, das Jahr wird kommen und vergehen. Auch mein und Ihr Leben wird einmal zu Ende sein. Aber es wird dort nicht mehr eng sein, sondern licht und weit. Jesus Christus ist der Herr, lebendig, wachsam, machtvoll steht er über al- len Mächten. Seid getrost. Fürchtet euch nicht. Ich lebe, und ihr sollt auch leben. Lasst uns in dieser österlichen Zeit aufsehen auf Ihn, den Auferstandenen, den Sieger über Sünde und Tod. Seine Herrschaft hat begonnen. Die Zukunft liegt in seinen Händen. Die Ewigkeit strahlt in die Zeit. Nichts und niemand wird verhindern, dass sein Reich kommt. Alles, was sich ihm entgegenstellte, wird die Flucht ergreifen. Auch die Angst. Dr. Friedemann Fritsch Studienleiter 6 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG SPEZIAL // NO. 198 // APRIL  JUNI 2020

Krise, Gericht, Neuanfang Gott hat etwas zu sagen - aber er schweigt auch, wenn wir es so wollen... I. Was ist eine Krise? Das Wort kommt von dem Griechischen Krisis. Das kann man am besten mit „Entscheidung“ übersetzen oder auch „Urteil“. Krisis wiederum stammt von dem Verb krinein ab, das heißt „trennen“. Auch das Wort „Kritik“ ist damit ver- wandt. Unter Krise versteht man im Allgemeinen eine kritische oder schwie- rige Situation, die auf eine Entscheidung hinausläuft, auf eine Zuspitzung, die entweder überwunden werden kann – oder in den Untergang führt. Ist unsere Gesellschaft in einer „Krise“? Ja, und es ist eine weltweite, globale Krise. Auch wenn Medizin und Politik Hoffnung machen, dass es irgendwann zu einer Überwindung und damit zu einem Ende dieser Bedrohung kommen wird, könnte es dennoch sein, dass, weltweit gesehen, diese Krankheit furchtbare Spuren hinterlassen wird, so tiefgreifend, dass nichts mehr so ist wie vor ihrem Ausbruch. Es gibt also wirklich Anlass zu großer Sorge, und viele Existenzen sehen sich bedroht. Sie und andere stellen Fragen im Hinblick auf die Zeit nach der Krise, und je nach Standort haben diese Fragen einen eher besorgten oder hoffnungsvollen Charakter. Dazu kommen die Fragen nach den Ursachen, nach dem Woher dieser Pan- demie. Auf Verschwörungstheorien will ich nicht eingehen. Aber ernstneh- men will ich folgende Frage von gläubigen Menschen: Hat Gott etwas mit dieser Krise zu tun? Ist das Virus vielleicht eine Art Strafe? Tut Gott jetzt das, was ja immer wieder von IHM erwartet und befürchtet wurde: Einmal richtig hart durchgreifen, es die Menschen spüren lassen, wie es ist, wenn Er nicht mehr mitmacht? Eine Naturkatastrophe als Strafe Gottes, da ist zunächst nüchternes Nach- denken wichtig. Man muss dann fragen, warum eine solche Strafe überwie- gend die „Falschen“ trifft. Weltweit gesehen sterben nicht nur überwiegend alte oder geschwächte 7

Menschen, sondern vor allem solche Menschen, die keinen Zugang zu Bil- dung und zu sauberem Wasser haben. Die Armen der Welt sind am meisten bedroht, nicht die Reichen und die Mächtigen, nicht die Übeltäter, die ganze Länder zugrunde richten. II. Strafe? Es gibt in der Bibel viele Beispiele dafür, dass Katastrophen als Strafe Got- tes verstanden wurden. Heuschreckenplage, Dürre, Hungersnot, auch von Krankheiten und Epidemien wird berichtet, etwa im Buch des Propheten Amos. Nicht zuletzt das babylonische Exil und das Ende des Tempels wurden so verkündigt: Als Antwort Gottes auf den Ungehorsam seines Volkes. Auch im Neuen Bund, auch im Leben der Christen gibt es die Erfahrung, dass Gott zornig werden kann, dass er seine Kinder die Folgen ihres Tuns spüren lässt: sicher nicht, um sie endgültig zu vernichten, wohl aber, um sich in Erinnerung zu bringen, um ihren Kurs zu korrigieren, sie zur Umkehr zu bewegen – also immer mit einer Perspektive der Gnade, des Neuanfangs. Und mit diesem Vorzeichen muss ich im Zusammenhang mit Corona auch von Gericht und Strafe reden. Nicht in dem Sinne, dass Gott jetzt dieses Virus über die Menschheit „schickt“, um größtmöglichen Schaden anzurichten. Ich meine, dass die Gesellschaft sich selber in eine Entscheidungs-Situation hin- einmanövriert hat, in eine „Krisis“ im biblischen Sinne. Sie scheint mir das zu sein, was Paulus in Römer 1 beschreibt: Ein furchtbares Dahingegeben-Sein; ein Sich-selbst-überlassen-Sein. Die Menschheit – und hier riskiere ich jetzt eine Verallgemeinerung – wollte nicht, wie Gott will, sie wollte seine heiligen Grenzen nicht achten, und nun lässt er der Menschheit ihren Willen. Natürlich wollte niemand das, was jetzt passiert, und Gott wollte es schon gar nicht. Und doch ist Corona ohne dieses beschädigte Verhältnis („Sünde“) zwischen dem Schöpfer und seinen Geschöpfen auch nicht denkbar. III. Gott schweigt Wenn jemand sagt: „So darfst du das nicht verallgemeinern!“ Dann rede ich jetzt nur für mich. Ich sage: Die lebendige, unmittelbare Verkündigung in der Gemeinde ist verstummt, und das trifft mich. Es tut mir in der Seele weh, dass auch die Kirche einfach dicht macht: keine Gottesdienste, keine Andachten im Bengelhaus, keine persönliche Seelsorge. Video-Botschaften, Live-Stream, kontaktloses Kommunizieren: JA – aber Gemeinschaft, persönlicher Zuspruch, Absolution, einander wahrnehmen, miteinander beten und Gott feiern: NEIN. Der Staat hat es verboten, und die 8 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG SPEZIAL // NO. 198 // APRIL  JUNI 2020

Kirchen haben dieses Verbot sofort an die Gemeinden weitergegeben. Sie tun und sagen das, was derzeit überall angesagt ist: Schützt Euch und schützt Eure Nächsten vor dem Virus. Haben Christen sonst nichts zu sagen? Ich verstehe das, es ist vernünftig, man muss jetzt kooperieren. Und zu- gleich ist dieses Verstummen der Kirche für mich auch ein Verstummen Got- tes. Gott straft nicht mit Corona. Aber er lässt sich als Folge von Corona zum Schweigen bringen. Natürlich gibt es Möglichkeiten, das Wort Gottes zu le- sen und zu hören. Man kann auch zu zweit beten und singen. Aber dringt das Wort, die lebendige Stimme des Evangeliums ohne den Gottesdienst nach außen? Wirkt es segnend und heilend in die Welt hinein? Und wären die Für- bitten, das gemeinsame Vaterunser nicht gerade jetzt dringend notwendig für unsere Welt? Ich glaube: Das ist auch eine geistliche Krise, eine Prüfungszeit. Für mich und meine Kirche hoffe ich sehr, dass wir sie bestehen. Die körperliche Ge- sundheit ist ein hohes Gut, für das man nicht genug danken kann. Aber sie ist nicht das höchste Gut in diesem Leben. Das höchste, schönste und beste aller Güter ist die ewige Gemeinschaft mit Gott, die Jesus am Kreuz eröffnet hat. Es ist die Vergebung, die mir in seinem Wort zugesprochen wird, und die Herrschaft Gottes, die das Gesicht der Welt verändert, wenn Christen gemein- sam dafür einstehen und seinen Willen tun. Lasst uns beten, dass die Menschheit von Corona befreit wird, besonders die Menschen in den armen Ländern. Lasst uns beten, dass Jesus Christus in unseren Kirchen bald wieder öffentlich verkündigt wird, und dass es die Men- schen mit geschärften Sinnen hören. Nur Er befreit von Sünde und ewigen Tod, nur mit Ihm gibt es Hoffnung für die Welt. Dr. Friedemann Fritsch Studienleiter 9

„Keine Gottesdienste!?“ Sollten Christen in der Corona-Krise den politischen Anweisungen gehorchen? Am 17. März 2020 haben die Regierungen auf Bundes- und Länderebene weitreichende Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus beschlossen. Eine war und ist, sämtliche Versammlungen von Glaubensgemeinschaften in Deutschland bis auf weiteres zu untersagen. Das ist ein Novum in der Ge- schichte der Bundesrepublik und ohne Zweifel ein radikaler Eingriff in die Religions- und Versammlungsfreiheit. Sollten wir Gott nicht mehr gehorchen als den Menschen? Für viele Christen stellt sich aber die Frage: Ist es richtig, auf geistliche Ge- meinschaft in Gottesdiensten, Bibelabenden oder Gebetszeiten, ja sogar auf das Sakrament des Hl. Abendmahls zu verzichten? Öffnen wir dem Verfall der Kirchen oder – drastischer formuliert – dem „Bösen“ damit nicht Tür und Tor? Sollten wir nicht gerade jetzt im Vertrauen auf Gottes Macht und Fürsorge mutig genau so weiter machen wie bisher? Sollten wir Gott nicht mehr ge- horchen als den Menschen? Darauf zumindest beharrten ja auch die Apostel Petrus und Johannes damals in Jerusalem, als die politischen Machthaber ihnen verboten, von Jesus Christus zu erzählen (Apostelgeschichte 5,29). Klarstellung: Was die politischen Anweisungen sind und was nicht Auch ich leide unter der geistlichen Dürre. Ich vermisse meine Gemeinde schmerzlich. Aber: Bevor ich mich und wohlmöglich meine Gemeinde oder meinen Hauskreis allzu schnell mit Petrus, Johannes oder anderen Christen in Verfolgung vergleiche, sollte ich mir bewusst machen, was die derzeitigen politischen Maßnahmen sind und was nicht. Diese – freilich rigorosen – Re- gelungen sind weder dazu erlassen worden, um den christlichen Glauben oder sein Zeugnis bewusst zu behindern, noch um Christen als Personen in irgendeiner Form zu benachteiligen. Egal ob sich diese Maßnahmen als effektiv erweisen werden oder nicht, ich bin davon überzeugt: Die einzige Motivation besteht darin, die Bevölkerung Deutschlands vor weiteren Konse- quenzen durch die Ausbreitung des Virus zu schützen. Dazu ist es aber auch notwendig, eben jene Bevölkerung mit in die Verantwortung zu nehmen. Als 10 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG SPEZIAL // NO. 198 // APRIL  JUNI 2020

Christen sind wir Teil dieser Bevölkerung und aufgefordert, uns für ihr Bestes einzusetzen (z. B. Jeremia 29,7; 1.Timotheus 2,1; 1.Petrus 2,15–17). Denn nicht wir als Christen befinden uns in einer Krise durch die Gesellschaft (oder den Staat), sondern wir als Gesellschaft befinden uns in einer Krise, zu deren Lö- sung wir als Christen beitragen sollten. Zugleich sollte sich jeder Christ immer wieder klarmachen, dass es eben jene Gesellschaft ist, deren Hilfe wir auch für uns selbst in Anspruch nehmen – z. B. durch medizinische Versorgung. Das Doppelgebot der Liebe als Handlungsmaßstab Auf die Frage, was dem Menschen am höchsten zu tun geboten sei, ant- wortete Jesus: „Das wichtigste Gebot ist: ,Der Herr, unser Gott, ist der alleinige Herr. Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hin- gabe, mit deinem ganzen Verstand und mit aller deiner Kraft!‘ An zweiter Stelle steht das Gebot: ,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!‘ Kein Gebot ist wichtiger als diese beiden.“ (Markus 12,29–31). Dieses sog. Doppelgebot der Liebe gegenüber Gott und den Mitmenschen stellt Christen ganz persönlich und als Gemeinschaften in eine Spannung, die stets ausbalanciert werden will und daher – nimmt man Jesus hier ernst – niemals zugunsten einer Seite aufgelöst werden darf: Wahre Hinwendung zu Gott führt in die Hinwendung zum Mitmenschen. Die Motivation und Energie zur Hinwendung zum Mitmenschen, gerade dann, wenn diese mir schwerfällt, speist sich wiederum aus der Hinwendung zu Gott. Was bedeutet dies für Christen in Krisenzeiten wie der jetzigen? Gottes Wirklichkeit ernst nehmen Den politischen Anweisungen zum Wohl der ganzen Bevölkerung zu fol- gen ist kein Unglaube, wenn dieser Schritt von der Nächstenliebe motiviert ist. Das Pochen auf „meinen Gottesdienst“ kann dagegen rasch zum geistli- chen Egoismus werden und damit zum Gegenteil einer Haltung, die aus der Liebe zu Gott und so immer auch zum Mitmenschen geprägt ist. Umgekehrt dürfen und sollen wir in dieser Zeit alles daransetzen, damit die Beziehung zu Gott gerade nicht verkümmert. In einer solchen Ausnahmesituation gilt dies umso mehr und zugleich aber unter besonderen Bedingungen. Neben den zahlreichen wunderbaren Wegen, das Evangelium v. a. durch digitale Medien zu bezeugen, empfehle ich Ihnen gerade jetzt: 1. Beten Sie in dieser Zeit bewusst für die Menschen in unserem Land. For- dern Sie von Gott ein, dass er dieses Leid nicht ungenutzt lässt. 2. Helfen Sie nach Ihren Möglichkeiten den Menschen in Ihrem Umfeld. Denken Sie dabei auch daran, z. B. die Dienste von Restaurantbesitzern oder 11

familiären Handwerksunternehmen gerade jetzt in Anspruch zu nehmen. Und begründen Sie dies mutig mit Ihrem Glauben an Gott. Das ist ein Zeug- nis, das niemand vergessen wird. 3. Übernehmen Sie eine geistliche Verantwortung für sich und Ihre Familie oder die Menschen, mit denen Sie zusammenleben. Suchen Sie regelmäßige Zeiten für (gemeinsame) “Hausandachten” – in welcher Form auch immer. 4. Falls Sie aktiv eine Gemeinde mit leiten: Setzen Sie sich dafür ein, dass in Ihrer Kirche sonntags und an Feiertagen ein Gottesdienst stellvertretend für die Gemeinde und unser Land stattfindet und das nicht allein digital. Wenigs- tens eine Person soll dort die Osterkerze entzünden, das Evangelium lesen, und ein Loblied für Gott singen und ein Gebet für die Gemeinde, die Nach- barschaft und unser Land sprechen. Keine Sorge! Das ist keine “Winkelmesse”. Gottes Wirklichkeit ist Realität, nicht nur dann, wenn wir uns leiblich versam- meln und einer Predigt zuhören können. Denn es gilt: „Und wenn die Kirchen geschlossen sein werden, wer wird zer- stören können den lebendigen Tempel Gottes, der Christus in unserer Mitte ist? Und wenn die Sakramente aufgehoben sein werden, wie könnten wir uns nicht tränken aus jener Quelle des lebendigen Wassers, welche die lebendige Liebe in unserer Mitte ist, die Christus in unserer Mitte ist?“ (Chiara Lubich, Gründerin der kath. Fokolarbewegung, 1960) Andreas-Christian Heidel Studienassistent 12 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG SPEZIAL // NO. 198 // APRIL  JUNI 2020

„Mutig und besonnen!“ – Martin Luthers Ratschlag für Christen in Zeiten wie diesen Im Jahr 1527 wütete in Breslau die Pest. Deshalb wandten sich die hiesi- gen Prediger an den Wittenberger Reformator Martin Luther und baten ihn um seinen Rat: Solle man als Christ vor der Krankheit fliehen oder gerade im Vertrauen auf Gott alle Sorgen beiseiteschieben? Schließlich antwortete Lu- ther mit einem Brief, in dem er auch folgende, heute umso bemerkenswerte, Worte schrieb: „Wohlan, der Feind hat uns durch Gottes Verhängnis Gift und tödliche Krank- heit hereingeschickt. So will ich zu Gott bitten, dass er uns gnädig sei und wehre. Danach will ich auch räuchern, die Luft reinigen helfen, Arznei geben und neh- men, Orte und Personen meiden, wo man meiner nicht bedarf, damit nicht ich selbst verwahrlose und dazu durch mich vielleicht viele andere vergiftet und an- gesteckt werden und ich ihnen durch meine Fahrlässigkeit zur Ursache des Todes werden würde. Will mich mein Gott indes haben, so wird er mich wohl finden. So aber habe ich getan, was er mir zu tun gegeben hat, und bin weder an meinem eigenen Tod noch an dem des Anderen schuld. Wo aber mein Nächster mich braucht, will ich weder Ort noch Person meiden, sondern frei zu ihm gehen, und helfen, so wie oben gesagt ist. Siehe, das ist ein rechter gottesfürchtiger Glaube, der nicht dummkühn und frech ist und der Gott auch nicht versucht.“ Martin Luther: Ob man vor dem Sterben fliehen möge, Brief an Johannes Heß (1527), Weimarer Ausgabe, Bd. 23, S. 365–366. 13

Krise heißt Entscheidung - Was Corona aus uns macht, liegt auch an uns selbst „Krise“ – das Wort ist in aller Munde. Es prangt in den Schlagzeilen der Zei- tungen. Es poppt auf in den News-Apps unserer Smartphones, auch auf dem Titelblatt dieser TO spezial. Die Krise zieht schleichend immer weitere Kreise, wie das Virus selbst: Aus der Corona-Krise wird eine Gesellschaftskrise. Es droht eine globale Wirtschaftskrise. Die ganze Welt, wie wir sie kennen, ist im Krisen- modus. Innerhalb weniger Wochen ist unser privates, öffentliches und kirch- liches Leben in einen selbstverordneten Lähmungszustand übergegangen. Sozialkontakte sind von einem Tag auf den anderen gekappt worden. Wir sind „auf uns selbst geworfen.“ Manchen von uns fallen Versammlungsverbot und „Social Distancing“ über- haupt nicht schwer. Sie genießen die viele freie Zeit mit Ehepartner und Kin- dern. Heimwerker toben sich an ihren Werkbänken aus. Keller und Dachstühle werden entrümpelt. In Familien werden wieder Hausandachten gefeiert. Wer in der digitalen Welt zuhause ist, schätzt die Möglichkeiten von Videochats und Livestreams. Gemeinden raffen sich in der Krise zusammen und bieten ge- meinsam geistliche Inputs. Gebetsnetzwerke leben wieder auf oder gründen sich neu. All das sind gute Antivirenprogramme in der Krise. Doch für andere ist die verordnete Einsamkeit eine dunkle Bedrohung. Mir fallen Schüler aus meiner Schule ein, für die das eigene Zuhause kein guter Ort ist. Für Kinder in kaputten Familien sind diese Wochen eine schwere Be- lastungsprobe. Da ist der tägliche Kampf von Eltern und Kindern im Home- Office und Home-Schooling um den Familien-PC noch das geringste Problem. Behörden und Therapeuten registrieren schon jetzt eine starke Zunahme an häuslicher Gewalt. Kranke dürfen nicht mehr besucht werden. Alleinstehende begegnen anderen Menschen nur noch beim wöchentlichen Einkauf. Die see- lischen Schäden dieser Krise werden immens sein. Das Wort Krise kommt von dem altgriechischen Substantiv Krisis und be- deutete ursprünglich Entscheidung oder Unterscheidung. Mir ist wichtig, an diesen Ursprung zu erinnern, weil es wesentlich auch zu dieser Krise gehört, dass in ihr ein Moment der Entscheidungsmöglichkeit liegt. Diese Krise ist kein Schicksal, dem wir völlig ausgeliefert sind. Ich möchte Sie deshalb ermutigen, drei Entscheidungen zu treffen: 14 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG SPEZIAL // NO. 198 // APRIL  JUNI 2020

Entscheiden Sie sich dafür, das Virus nicht in den Rang eines Götzen zu er- heben, der uns in seinen Bann ziehen möchte. Wir gehören dem allmächtigen Gott. Lassen Sie nicht zu, dass die Bedrohung Ihrer Gesundheit und die Schre- ckensnachrichten vom sterilen Erstickungstod das letzte Wort behalten, wenn Sie abends zu Bett gehen. Betrachten Sie Ihre Gesundheit nicht als Menschen- recht, sondern als eine von Gott gegebene kostbare Gabe. Betrachten Sie den Tod nicht an und für sich. Sondern nur als den von Christus am Ostermorgen siegreich überwundenen Tod. Entscheiden Sie sich dafür, die geistliche Lähmung in unseren Gemein- den zu überwinden. Die Lobpreisbands und Orgeln müssen zwar für einige Zeit schweigen. Von Kanzeln kann nicht gepredigt werden. Wir mussten als Gemeinden auf die Osterfeiern verzichten. All das ist schmerzlich und beinahe unerträglich. Doch wir können uns dafür entscheiden, dass unsere Gebete nicht ausbleiben. Beten Sie an gegen das Virus und die Ängste vor ihm. Beten Sie für die Politiker und ihre Berater. Halten Sie Fürbitte für die Schwellen- und Entwicklungsländer, in denen das Virus furchtbaren Schaden anrichten kann. Entscheiden Sie sich dafür, Teil der Gebetsbewegung der Evangelischen Allianz zu werden: Deutschland betet täglich um 20:20 Uhr (https://www.ead.de/coro- na/). Wir sind einsam, aber nicht allein. Entscheiden Sie sich dafür, sich nicht den Abgründen der Einsamkeit hin- zugeben, sondern die geistliche Chance der Einsamkeit zu ergreifen. Die Abgründe der Einsamkeit sind Selbstbetrachtung, Selbstmitleid und Sorgen. Auf diesen Wegen führt Einsamkeit in die Verzweiflung. Die geistliche Chance der Einsamkeit ist das „Schweigen vor Gott“ (Bonhoeffer). Schweigen vor Gott ist eine Haltung, die jetzt geboten ist (Prediger 3,7). Recht verstanden geht es beim Schweigen vor Gott nicht um ein Verstummen, sondern um Hören. Wir schweigen vor dem Wort Gottes. Endlich haben wir es wieder nötig, die Bibel ganz für uns zu lesen. Lesen Sie Psalm 91 und die Auferstehungstexte. Nehmen Sie ein einzelnes Wort oder einen Vers mit hinein in Ihren einsamen Tag, hören Sie auf dieses Wort in Ihrem Schweigen. Was will Gott mir – in, trotz oder durch diese Krise - sagen? Auf diesem Weg führt Einsamkeit nicht in die Verzweiflung, sondern zum lebendigen Gott. Matthias Riedel Studienleiter 15

Der große Stresstest – Anfänger in der Krise Ich bin Berufsanfängerin. Das Studium mitsamt dem Examen habe ich erst vor ein paar Monaten abgeschlossen. So geht es vielen in meinem Freundes- kreis oder der Familie. Sie sind neu im Lehr- oder Pfarramt, in der Kindertages- stätte, im Krankenhaus oder im Finanzwesen eines christlichen Werks. Nach Jahren der Ausbildung soll es endlich losgehen, doch dann das: große Ge- sundheitskrise. So gar nichts ist möglich, wie es geplant war. Gottesdienste gibt es keine, KiTas haben geschlossen, die Aufträge in der Firma fehlen. Nie- mand kann über die nächste Woche hinaus sagen, wie sich die Situation ent- wickeln wird. Da ist Frust vorprogrammiert. Andere stehen an der Schwelle zum neuen Lebensabschnitt. Sie würden gerne die Prüfungen hinter sich bringen, den Umzug anpacken oder die Arbeitsstelle wechseln. Aber: abge- sagt, verschoben, gerade nicht drin. Die Unsicherheit darüber, was das lang- fristig heißt, lässt sich nicht verjagen. Stattdessen stellt sich das Gefühl ein, fremdbestimmt, ohnmächtig und zur Passivität verdammt zu sein. Die ganze Welt scheint im Ausnahmezustand. Bei den Anfängern/innen speist sich die Enttäuschung vor allem daraus, in der aktuellen Situation entweder mit zu viel oder zu wenig Aufgaben betraut zu werden – Überforderung oder Langeweile, dazwischen scheint es kaum etwas zu geben. Den einen tut der Kaltstart nicht gut. Die Infos fehlen an allen Ecken und Enden, dazu haben sie keine Erfahrungswerte, auf die sie zurückgreifen können. Fehler fallen umso mehr ins Gewicht, denn alles muss auf Hochtouren laufen. Bei den anderen übernehmen die „alten Hasen“ das Wichtige und ihnen bleibt nur, von der Seitenlinie zuzuschauen. Der frische, unverstellte Blick auf Altbewährtes ist nicht gefragt. Dabei sind sie voller Ta- tendrang und Lust auf Neues. Zur Anstrengung des Anfänger-Seins kommt der Kraftaufwand der Krise – der große Stresstest, gleich zum Berufseinstieg. Der Meister ist entscheidend Auch die Apostel waren einmal blutige Anfänger. Frisch berufen sind sie mit Jesus unterwegs, erleben die ersten Wunder und hören seine Lehre. Dann sind sie plötzlich selbst gefragt (Johannes 6,1–14): Die Massen strömen 16 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG SPEZIAL // NO. 198 // APRIL  JUNI 2020

nur so zu Jesus, sie suchen seine Nähe – doch niemand hat an das Catering für diese Großveranstaltung gedacht. Das ist der Stresstest für die Jünger. Jesus wendet sich dem ersten zu: „Philippus, wo sollen wir Brot für diese vie- len Menschen kaufen?“ Der überlegt fieberhaft, doch kommt nicht um den Schluss herum, dass sie nicht genug Geld haben, um ausreichend Brot zu besorgen. Andreas verweist auf einen Jungen, der – wie ein Freund es mal in einer Predigt formuliert hat – ein Vesperpaket von seiner Mutter dabei hat. Fünf Brote und zwei Fische. Aber dann verwirft er die Idee gleich wieder. Was für ein lächerlicher Vorschlag, den er da gemacht hat! Das würde nie für alle reichen. Die Jünger stehen also mit leeren Händen da – versagt im Stresstest. Sie sind eben doch nur Anfänger, denen man keine wichtige Aufgabe über- tragen sollte, unerfahren und der Sache nicht gewachsen. Der Meister selbst muss es richten. Aber ganz so einfach liegen die Dinge dann doch nicht. Jesus sieht die Ratlosigkeit der Jünger, ihre Versagensängste, den Druck, in Krisenzeiten als innovativ herausstechen zu müssen. Er weist das Wenige, das sie ihm brin- gen, nicht ab. Vielmehr heiligt er, was sie für unansehnlich und bedeutungs- los halten, sodass es etwas Größerem dient. Er überlässt die Jünger nicht einfach sich selbst im Stresstest, sondern nimmt sie an die Hand, um sie zu Fortgeschrittenen zu machen. Sie sollen lernen, nicht auf ihre eigene Kraft zu vertrauen. Bei Jesus ist nicht einfach nur Ausnahmezustand angesagt. Mit seinem Wunder der Brotvermehrung macht er vielmehr eine Ausnahme von ihm. Er schafft Tatsachen, die größer sind als die Not. In diesem Zeichen kommt zum Ausdruck: Ihr seid der Krise nicht hilflos ausgeliefert. Auf den richtigen Meister kommt es an, beruflich wie geistlich. Wo Anfänger/innen gut angeleitet werden, haben sie die Möglichkeit, den Stresstest zu bestehen. Sie können sich ausprobieren, ohne ganz alleine dazustehen, und sie können von der Erfahrung der „alten Hasen“ lernen, ohne zum Zuschauen verdammt zu sein. Jesus traut Anfängern/innen etwas zu, auch in Krisenzeiten. Wohl dem, der einen Meister wie ihn und ihn zum Meister hat. Lea Weber Tutorin 17

Krisen, die die Kirche bewegten Warum Krisen oft wirksamer sind als Reformen Seit Jahren wird viel über die Krise der Kirche geredet und geschrieben, Re- formen und Veränderungen werden gefordert, Projekte und Innovationen auf den Weg gebracht. Nur: Das Reden von Krisen und das Fordern von Reformen hat bisher selten etwas Grundlegendes in der Kirche verändert. In den meis- ten Fällen waren es äußere Krisen, die Bewegung in die Kirche gebracht ha- ben. Solche Krisen waren in früheren Zeiten meistens Kriege. Allerdings muss man dabei nicht gleich an Schlachtfelder und plündernde Soldaten denken. Kriege führten in der Regel dann zu Krisen, wenn sie ein Ausmaß annahmen, das auch außerhalb der eigentlichen Kämpfe das Leben existenziell verän- derte: durch Hungersnöte, Epidemien, wirtschaftliche oder politische Zusam- menbrüche, kurz: dadurch, dass das Ganze auf dem Spiel stand. Denn das ist das Wesen einer Krise: Dass alles auf dem Spiel steht und nicht sicher ist, ob hinterher wieder irgendetwas so sein wird wie vorher. Zwei Beispiele sollen vor Augen führen, wie Krisenzeiten die Gestalt der Kirche verändert haben: Der Dreißigjährige Krieg führte, auch wenn man das anders vermuten würde, nicht zu Umkehr und Buße, obwohl das viele Prediger während des Krieges gefordert hatten. Im Gegenteil: Sittliche Maßstäbe waren zerstört, herkömmliche Bindungen zerrüttet und auch religiöse Überlieferungen wur- den zunehmend in Frage gestellt. Die Kirche bemühte sich Hand in Hand mit der weltlichen Obrigkeit, diese Zustände zu bessern. In Württemberg stand Johann Valentin Andreae an der Spitze dieser Bemühungen. Man richtete „Kir- chenkonvente“ zur Überwachung und Besserung des Lebenswandels ein. Von zahlreichen Theologen wurden die kirchlichen Missstände angeprangert, die Belehrung der Jugend und die Verinnerlichung des Glaubens gefordert. Doch durchgesetzt hat sich letzten Endes etwas anderes. Während des Drei- ßigjährigen Krieges hatten Luthers theologische Einsichten auf neue Weise die Menschen erreicht: durch die Lieder Paul Gerhardts, durch gedruckte Trostpre- digten, durch Andachtsbücher und Hausandachten. Was Luther gelehrt hatte, wurde nun praktisch eingeübt: dass der Glaube Bewährung bedeutet in An- fechtung, dass man sich gegen alle Erfahrung an die Verheißungen der Schrift halten soll und dass nichts ohne Gott geschieht. Zwar hatte man das auch schon zuvor von der Kanzel gepredigt oder im Katechismusunterricht gelernt, 18 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG SPEZIAL // NO. 198 // APRIL  JUNI 2020

aber nun musste sich das im persönlichen Standhalten in vielerlei Nöten be- währen. Daraus entstand ein neuer Ernst des Christseins. Längst nicht überall, längst nicht bei allen. Schon bald nach dem Krieg griffen Genusssucht, Selbst- sicherheit und Gottvergessenheit um sich. Die Kirche als ganze erwies sich als schwerfällig und unbeweglich. Doch eine neue Bewegung sammelte nun diejenigen innerhalb der Kirche, die „mit Ernst Christen zu sein begehrten“. So brach sich eine Bewegung Bahn, die in neuen Formen genau das leben wollte, was man während der Krise erlebt hatte: persönliche Frömmigkeit, Vertrauen auf die Verheißungen der Schrift, verbindliche Gemeinschaft, Bekennen der Sünde und Ergreifen der Gnade Gottes – in der Nachfolge Luthers. Die Krise wurde so zur Geburtsstunde des Pietismus. Im 19. Jahrhundert gab es ein vorrangiges Thema innerhalb der Kirche: Wie sollte sich die Kirche vom Landesherrn, dem sie rechtlich seit der Reformation unterstand, lösen? Es gab dazu zahlreiche Theorien und Vorstöße. Doch die Bindung von Thron und Altar erwies sich als stabil und zudem nicht immer als die schlechteste Lösung. Wofür Generationen von Theologen gekämpft hatten, kam dann von einem Tag auf den anderen: durch die Krise des Ersten Weltkriegs und den Zusammenbruch der Monarchie. Die Kirche verlor ihr kö- nigliches Haupt, wurde aber trotzdem nicht kopflos, denn nun konnten sich Leitungsorgane frei entwickeln, die man schon zuvor nach und nach einge- führt oder sogar für den Fall des Übergangs vorausschauend konstruiert hatte. So ging aus dieser Krise unsere heutige Kirchenverfassung hervor. Sie ist auf den 24. Juni 1920 datiert und wird in diesem Jahr genau hundert Jahre alt. Zwei Krisen, die unsere Kirche maßgeblich geprägt haben: Im ersten Fall war es die Langzeitwirkung. Glaubenserfahrungen aus der Krisenzeit führten zu neuen Formen christlichen Lebens und erneuerten die Kirche von innen heraus. Im zweiten Fall kam die Veränderung schlagartig, doch sie konnte auf Ideen und Reformgedanken zurückgreifen, die schon vor der Krise im Raum standen. Es gibt kein fertiges Muster, wie Krisen die Kirche bewegen. Aber selten sind sie ohne Wirkung geblieben. Darum ist es entscheidend, wie Glaube in der Kri- se gelebt wird. Davon hängt ab, was bleibt – von der Krise und von der Kirche. Dr. habil. Matthias Deuschle Studienleiter 19

Und wenn das alles vorbei ist? Aufruf zu gelassener Wachsamkeit Irgendwann wird die Krise vorbei sein. Irgendwann werden wir einander wieder besuchen, wieder als Gruppen in Parks und Eiscafés sitzen, wieder „analoge“ Gottesdienste feiern. Irgendwann wird das, was wir gewohnt wa- ren, wieder möglich sein. Aber manches wird sich auch verändern, vielleicht massiv verändern. Und da kommt die Gemeinde Jesu ins Spiel. Bei Verän- derungen sollte sie wachsam sein. Denn Veränderungen können zum einen Chancen sein, die wir nicht verpassen sollten, und zum anderen Gefahren, die wir wahrnehmen sollten. Christen sollten jetzt wachsam sein. Gelassen, aber wachsam. In Krisen geht vieles schnell. Verordnungen für die Bevölkerung, Kredite für die Unternehmen, digitale Lernpläne für die Schüler usw. All das muss schnell gehen. Aber das meine ich gar nicht. Was ich meine, ist, dass bisherige Selbst- verständlichkeiten atemberaubend schnell verschwinden und Neues, Uner- wartetes atemberaubend schnell selbstverständlich wird. Altes wird plötzlich unsichtbar, Neues steht plötzlich hell im Licht, ohne dass man sich innerlich darauf hätte vorbereiten können. Beispiele? Während der Corona-Krise entdecken Menschen, die mit Kirche bislang wenig am Hut hatten, die Kirchengemeinden neu. Sie schätzen ihre Hilfs- angebote: Einkaufshilfen, Telefongespräche, sonstige Dienste, vielleicht auch ihre Fürbitte und ihre Online-Gottesdienste. Die Gemeinden, hauptsächlich einzelne Gemeindeglieder, sind in ganz anderer Art und Weise sichtbar als bisher. Die Gemeinden nehmen sich auch selbst neu wahr. Der normale Sonntagsrhythmus mit seinem üblichen Gottesdienstangebot ist zwar un- terbrochen, aber die Gemeinden merken: Es gibt uns trotzdem. Und ihr Wort, ihre Hilfe und ihr Gebet ist mindestens so wichtig wie eh und je. Was, wenn Corona einmal vorbei sein wird? Ich hoffe, dass sich die Gemeinden auch dann, wenn alles wieder„normal“ sein wird, weiterhin so stark als das empfin- den, was sie eben auch sind und sein sollen: Licht der Welt und Salz der Erde. Vor der Corona-Krise war das Hauptthema der Nachrichten die Klima-Krise. Durchaus mit Recht. In den letzten Wochen ist von Klima keine Rede mehr; das Thema ist schnell aus den Medien verschwunden. Auch mit Recht – an- gesichts der aktuellen Ereignisse. Aber was wird sein, wenn die jetzige Krise 20 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG SPEZIAL // NO. 198 // APRIL  JUNI 2020

vorbei ist? Werden wir dann die Erhaltung von Gottes Schöpfung wieder zum Thema machen? Oder wird das Thema verschwunden bleiben? Bietet sich vielleicht sogar die Chance, es endlich sowohl ehrgeizig-kraftvoll als auch sachlich-nüchtern anzugehen? Christen sollten hier aufmerksam hinschauen. Etwas, zum Glück, ist selbstverständlich in der Krise: Ein Leben soll gerettet werden, egal, ob es jung und kräftig oder alt und schwach ist. Ich bin froh, dass das ein selbstverständlicher Konsens zu sein scheint, den niemand in Frage stellt. In diesem Zusammenhang aber fällt etwas auf: Was auch schnell aus den Medien verschwunden ist, ist das Urteil des Bundesverfassungsge- richts vom 26.2.2020, das die Beihilfe zum Suizid für straffrei erklärt hat. Das hat zwar mit der Corona-Krise nichts direkt zu tun; es scheint mir aber eine Tür zu öffnen zu einer gefährlichen Einstellung, der nämlich, dass ein Leben zumindest vor klaren Suizidabsichten nicht gerettet werden muss. Noch ein- mal: Das sind zwei verschiedene Dinge. Aber beide sagen auch etwas da- rüber aus, als wie rettenswert ein Leben jeweils angesehen wird. Christen sollten hier genau beobachten, wie die Debatte nach dem Ende der Corona- Krise wieder aufgenommen und weitergeführt wird. Viele wird die Krise wirtschaftlich hart treffen, viele andere nicht. Die soziale Schere wird in Deutschland weiter auseinandergehen und zwar schnell. Das betrifft sowohl die Gesellschaft wie auch die Kirchengemeinden. In den Me- dien heißt es: „Die Bundesregierung rechnet damit, dass durch die Corona- Pandemie etwa 1,2 Millionen Menschen in Hartz IV rutschen.“ Was bedeutet das für die Kirchengemeinden? Klar, Kirchengemeinden können die sozialen Probleme dieser Welt nicht lösen. Aber sie sollten darum wissen und es nüch- tern berücksichtigen in allem, was sie tun: predigen, diakonische Hilfe leisten, beten. Zum Schluss ein Auszug aus einem Text von Bonhoeffer: „Wachsein heißt die Welt sehen, wie sie vor Gott ist, ohne zu richten. Heißt offen sein, bereit sein für die Zukunft, ihr ins Auge sehen und sich nicht fürchten. Es heißt den hellen Tag Gottes sehen, wie er ist; seine Schöpfung und sein Werk lieben, aber zugleich die Leiden der Kreatur, die Not und die Hilflosigkeit des anderen Menschen sehen, seinen An- spruch vernehmen, auch dort, wo er unausgesprochen bleibt …“ Dr. Clemens Hägele Rektor 21

Was sind wir? Das Albrecht-Bengel-Haus ist ein theologisches Studienhaus in Tübingen- Derendingen, in dem 120 Studentinnen und Studenten, die Bengel, in Wohn- gemeinschaften und Appartements wohnen. Die meisten studieren Theologie auf Pfarramt oder Lehramt an der Universität Tübingen. Sie teilen im Haus den Alltag miteinander und werden in Ergän- zung zur Uni theologisch und persönlich begleitet. Wie finanziert sich das ABH? Das Bengelhaus wird von einem gemeinnützigen Verein getragen und finan- ziert sich fast ausschliesslich über Spenden. Unsere Arbeit ist auch in Zukunft nur möglich, wenn uns Menschen finanziell unterstützen. Wollen auch Sie die Arbeit des Bengelhauses weiterhin möglich machen? Wir freuen uns über Ihre Spende: Kreissparkasse Tübingen IBAN: DE06 6415 0020 0000 2394 31 BIC: SOLADES1TUB 22 THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG SPEZIAL // NO. 198 // APRIL  JUNI 2020

Warum sollte man das ABH unterstützen? » ... weil Gemeinden gute Pfarrer/innen brauchen « Durch die Glaubens- und Lebensgemeinschaft sowie unsere biblisch-theo- logischen Lehrveranstaltungen fördern wir unsere zukünftigen Pfarrerinnen und Pfarrer. » ... weil Schüler gute Religionslehrer/innen brauchen « Lernen ist mehr als nur Kopfsache. Deshalb begleiten wir junge Menschen fachlich und persönlich auf dem Weg des Studiums. » ... weil Gemeinden biblische Lehre brauchen « Im Vertrauen auf Gottes Wort Gemeinde für die Zukunft bauen. Wir geben vierteljährlich eine Zeitschrift heraus, die theologische Orientierung ver- mitteln will. Zudem unterrichten wir viele Menschen vor Ort und in unserer Gemeindeakademie. 23

Spenden, SPENDE!H ÜE RDRZAILHNIRCKEH E N F wenn alles anders ist… Bitte helfen Sie uns, gut durch diese Krise zu kommen. Wir sind weiter aktiv in der Studienbegleitung tätig und kom- men für Vorträge, egal ob jetzt digital oder später persönlich, in Ihre Gemeinde. Laden Sie uns ein! NUR MIT IHRER SPENDE WIRD DAS ABH WEITER BESTEHEN KÖNNEN. Kreissparkasse Tübingen IBAN: DE06 6415 0020 0000 2394 31 BIC: SOLADES1TUB


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