gerecht wird? Wir bemühen die Metapher der beiden Zeitgestalten Kairos und Kronos, die uns in einem zauberhaften Wechselspiel ihres Er- scheinens und Verschwindens vor Augen führen, wie kohärente Strukturen entstehen und weiter- entwickelt werden. Der gesellschaftliche Lern- prozess läuft genau gleich ab, wie Kinder laufen oder sprechen lernen. Die Zeit ändert ständig ihre Erscheinungsformen. Die Geschichte kommt so nie zum Stillstand. Es liegt also an uns die virtuose Magie unserer Zeitgestaltung ganz einfach unseren Kindern abzuschauen. 251
Anmerkungen und Literaturangaben ↩ Vorwort und Danksagung, Kapitel 1 [1] ↩ Bateson, Gregory. Geist und Natur. Eine notwenige Einheit. Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1987. [2] ↩ Das folgende Buch kann wie ein spannen- der «Almanach 2004» dieser Entwicklung gelesen werden: von Mutius (Hg.), Bernhard. Die andere Intelligenz. Wie wir morgen denken werden. Stuttgart, Klett-Cotta, 2004. 252
Kapitel 2 [3] ↩ Für eine Übersicht über von Foersters Denken empfiehlt sich das wundervolle Hörbuch: von Foerster, Heinz. Zwei mal zwei gleich grün. [CD] Köln, c+p supposé, 1999. [4] ↩ Ausgangspunkt der jüngsten Debatte um die Willensfreiheit ist das berühmte Libet- Experiment, das der US-amerikanische Neurophysiologe Benjamin Libet (1916- 2007) Ende der Siebzigerjahre durchge- führt hatte. Er machte dabei die Beobacht- ung, dass bei Menschen bereits 350 Milli- sekunden vor der bewussten Entscheidung einer Handlung eine stark erhöhte Gehirn- aktivität (in Form eines sogenannten Be- reitschaftspotenzials) nachweisbar ist. Daraus schloss er, dass der Mensch in seinen Handlungen vordeterminiert und 253
also unfrei ist. Die Frage der Willensfreiheit wird seither sehr kontrovers zwischen den verschiedenen Hirnforschern, Philosophen und anderen Wissenschaftlern geführt. Dabei werden die gleichen Fakten von den verschiedenen Wissenschaftlern unter- schiedlich interpretiert. Auch gibt es immer wieder neue Experimente, die manchmal als Befunde für die Willensfreiheit und manchmal dagegen ins Feld geführt wer- den. Aus diesen Befunden und auch weil sich die Jahrhunderte alte philosophische Debatte über die Willensfreiheit in den letzten Jahren nur noch verstärkt hat, stellen wir uns auf den Standpunkt: Die Frage nach der Willensfreiheit ist prin- zipiell unentscheidbar. Aufgrund der Tat- sache, dass wir dieselben Fakten unter- schiedlich bewerten können, neigen wir aber dazu zu glauben, dass wir im Umgang mit der Welt ein gewisses Maß an Ent- scheidungsfreiheit besitzen. Und letztlich 254
sind wir vermutlich in verschiedener Hin- sicht sowohl frei als auch unfrei. Siehe dazu auch: Libet, Benjamin. Do we have a free will? Journal of Couscious Studies. 1999. Eckholdt, Matthias. Kann das Gehirn das Gehirn verstehen? Gespräche über Hirnforschung und die Grenzen unserer Erkenntnis. Heidelberg, Carl-Auer, 2013. Bauer, Joachim. Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens. München, Blessing, 2015. Kapitel 3 [5] ↩ Maturana, Humberto R., Varela Francisco J. Der Baum der Erkenntnis: Die biologischen Wurzeln menschlichen 255
[6] ↩ Erkennens. Frankfurt am Main, Fischer, 2009. [7] ↩ [8] ↩ Einen kurzen Überblick darüber, was die aktuelle Hirnforschung über unser sub- jektives Zeitempfinden sagt, gibt zum Bei- spiel die deutsche Philosophin Natalie Knapp (*1970) in ihrem – im Übrigen sehr erhellenden und berührenden – Buch (S. 250ff): Knapp, Natalie. Der unendliche Augenblick. Warum Zeiten der Unsicherheit so wervoll sind. Reinbek bei Hamburg, Rowohlt, 2015. Wittmann, Marc. Gefühlte Zeit. Eine kleine Psychologie des Zeitempfindens. München, C. H. Beck, 2012. Planck, Max. Über das Gesetz der Energieverteilung im Normalspectrum. 256
Annalen der Physik, IV, 1901, 4, S. 553- 563. Kapitel 4 [9] ↩ Das im Text nachfolgende Beispiel verdan- ke ich meiner Kollegin und Philosophin Natalie Knapp, das ich hier in etwas abge- änderter Form wiedergebe. Nachzulesen im Original S. 241ff: Knapp, Natalie. Kompass neues Denken. Wie wir uns in einer unüber- sichtlichen Welt orientieren können. Reinbek bei Hamburg, Rowohlt, 2013. Kapitel 5 [10] ↩ S. etwa: Tausch, Michael. Chemie mit Licht. Innovative Didaktik für Studium. Springer Spektrum, 2020. 257
[11] ↩ Die Koppelung des elektrischen mit dem magnetischen Feld ergibt sich aus den Maxwellgleichungen, die auf den berühmt- en schottischen Physiker James Clerk Maxwell (1831-1879) zurückgehen: Dabei ist die zeitliche Änderung des elektrischen Feldes immer mit einer räumlichen Änder- ung des magnetischen Feldes verknüpft. Und umgekehrt: Die zeitliche Änderung des magnetischen Feldes ist stets mit einer räumlichen Änderung des elektrischen Feldes verknüpft. [12] ↩ Quellennachweis von Fig. 1: www.hg-klug.de/mrganz/versag/welle2.jpg [13] ↩ Einstein, Albert. Zur Elektrodynamik bewegter Körper. Annalen der Physik, IV, 1905, 17, S. 891-921. 258
Kapitel 6 [14] ↩ Andreas ist ein frei erfundener Name. Dem hier beschriebenen Bericht liegt allerdings eine wahre Patientengeschichte zugrunde, dessen Urheberin dem Verfasser bekannt ist. Herzlichen Dank für die Erlaubnis, Teile ihres Patientenberichts hier abdrucken und diesen mit eigenen fiktiven Elementen er- gänzen zu dürfen. [15] ↩ Skills sind Fertigkeiten, also hilfreiche Ge- danken oder Handlungen, um Situationen oder Probleme zu bewältigen oder um Ziele zu erreichen. S. etwa: Bohus, Martin, Wolf-Arehult, Martina. Interaktives Skilltraining für Borderline- Patienten. Schattauer, 2013 259
[16] ↩ Quelle zu Fig. 2: von der Patientin (s. [14]) selbst hergestellte Grafik, mit der Erlaubnis sie hier abbilden zu dürfen. [17] ↩ S. oben [15] Kapitel 7 [18] ↩ S. online: www.admin.ch/gov/de/start/dokumentati on/abstimmungen/20160925/nachrichten dienstgesetz.html [19] ↩ Fukuyama, Francis. The End of History and the Last Man. New York, Penguin, 1992. [20] ↩ Dieser Effekt wurde im Jahre 2002 unter dem Namen «Self Sampling Assumption» durch den schwedischen Philosophen Nick Bostrom (*1973) einer breiteren Öffent- lichkeit bekannt gemacht. Es handelt sich dabei um eine Art kopernikanisches Prinzip 260
für den Menschen innerhalb der Gesell- schaft, das besagt, dass im Prinzip niemand eine speziell herausragende Position in der Gesellschaft hat. Es gibt im Allgemeinen keinen Grund zur Annahme, dass ich – oder irgendein Individuum – eine der ersten sein soll, die auf eine gesellschaftliche Idee, eine gesellschaftliche Beobachtung, usw. gekommen ist. Vielmehr muss ich davon ausgehen, dass sehr viele Leute vor mir bereits dieselbe Idee gehabt haben, und ich diesbezüglich eher eine mittlere Posi- tion in der Gesellschaft einnehme. Näheres dazu in: Nick, Bostrom. Anthropic Bias. Obser- vation Selection Effects in Science and Philosophy. New York & London, Routledge, 2002. 261
Impressum ↩ TITEL: «Faszination Unsicherheit. Warum ein Leben in Sicherheit Fiktion bleiben muss.» AUTOR: Magnus Pirovino ERSCHEINUNGSDATUM: Juni 2023 HERAUSGEBERIN: OPIRO Consulting AG, Landstraße 40, FL-9495 Triesen GESTALTUNG BUCHCOVER: agentur mehrwert, Bahnhofplatz 7, CH-5400 Baden Der Inhalt dieses Dokuments ist urheberrechtlich geschützt: Copyright © 2023 by OPIRO Consulting AG, Triesen (FL) www.opiro.li 262
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