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Leseprobe Ingrid Maria Schäfer

Published by seeling, 2017-10-26 03:00:34

Description: Leseprobe Ingrid Maria Schäfer

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DAKAMI

Ingrid Maria Schäfer lebt und arbeitet in Essen. Sie ist Übersetzerin und Auslandskorrespondentin. Das Reisen und die detaillierten Einblicke in die verschiedenen Kulturen inspirieren sie zum Schreiben. Sie mag Theater, Musik, gute Küche und alle Dinge, die dasLeben bereichern. Obwohl ihre Liebe der humoristischenLiteratur und der Satire gilt, gewann sie mit ihrer Lyrikbereits viele Preise. Mit ihren Geschichten möchte sie einwenig Freude in den Alltag der Leser bringen.

Ingrid Maria SchäferDer Globus quietscht und kreiselt Schmunzelgeschichten aus aller Welt

Besuchen Sie uns im Internet: www.dakami-buch.de Veröffentlicht bei DAKAMI Dienstleister für SelfpublisherDaniela Kayser, Katharina Musial-Buske, Mirko Seeling GbR, Gelnhausen Korrektorat: Marianne Günther Umschlagbild: all-free-download.com Copyright © by Ingrid Schäfer Copyright © 2017 dieser Ausgabe byDaniela Kayser, Katharina Musial-Buske, Mirko Seeling GbR, Gelnhausen Druck und Bindung: Heimdall, Rheine Gedruckt auf FSC-zertifiziertem Papier Printed in Germany 2017 ISBN: 978-3-946881-11-7

Inhalt 7 9Vorwort 15Der Korb 19Die Reklamation 24Der Selbstmord-Kandidat 32Schwarzes Holz 40Der Sturz vom Sockel 45Gespenstischer Durst 49Das Stichwort 55Die Vogelgrippe 60Geld, Ochsen und Ehefrauen 65Das Seelenfenster 70Hassans Bruder 74Das alte Gesangbuch 80Neujahr im Nebel Das Geheimnis der Osterinsel

Der Überfall 85Das Kukuruz-Feld 90Die Mütze der Männlichkeit 96Der Weg nach Xiang 106Nicht der richtige Biss 112Multikulturelle Eindrücke 118Der Heiratsantrag 124Das Gletscher-Gebet 129Der Henkerstropfen 136Eier im Nachttopf 141Die Essstäbchen-Affäre 146Die Frucht des Paradieses 150Ein harter Winter 156Pater Brunos Wunder 161„Kucköhchen!“ 165Die Euro-Pizza 170

VorwortDass die Länder des Mittelmeers meinem Herzen amnächsten stehen, ist meinen Lesern schon lange bekannt.Dennoch hat man mich nach dem Erscheinen von „Esraschelt im Olivenbaum“, „Die verkorkste Korkeiche“ und„Feigenbäume sind nicht feige“ sanft gerügt. Was denn mit all den anderen schönen und interessantenLändern der Erde sei, wurde ich gefragt. Hielt ich sieetwa für unwürdig, in Form einer Geschichte verewigt zuwerden? Zugegeben: Die Idee, jedes Land der Erde als Hintergrundfür eine lustige Begebenheit einzusetzen, hat ihren Reiz.Leider dürfte meine restliche Lebenserwartung nicht mehrausreichen, um dieses vielbändige Werk zu vollenden. Alsomusste eine Auswahl getroffen werden, und ich begingden Fehler, dies laut auszusprechen.Die Interessenvertreter von Kanada, Russland und Chinawiesen sofort auf die Größe ihrer Länder hin und leitetendaraus einen Anspruch ab. Der türkische Imbiss-Betreiber an der Ecke betonte, dasser es nicht hinnehmen würde, wenn seine anatolischeHeimat bei der Auswahl durchs Netz fiele. Dabei hantierteer drohend mit dem Bratspieß und der Begriff „Ehrenmord“schwebte unausgesprochen zwischen uns. Im Gegensatz dazu übten die Schweiz und Luxemburgüberhaupt keinen Druck aus. Als Herren und Hüterder Nummernkonten haben sie das auch nicht nötig.Luxemburg ließ lediglich durchblicken, dass eine „lustigeBankgeschichte“ sehr willkommen sei. 7

Österreich und Ungarn schlossen sich (wahrscheinlichaus alter Gewohnheit) zusammen und erinnerten michan uralte Familienwurzeln aus der Zeit Maria Theresias.Rumänien, das zu jener Zeit zum größten Teil nochungarisch war, sprang als Trittbrettfahrer auf. Das schöne Frankreich, das sich bekanntlich niemalszur Seite drängen lässt, wies listig darauf hin, dass inseinen nördlichen Provinzen keine Oliven und Korkeichenwachsen und sie daher zwingend in dem Projekt vertretensein müssten. Der kleine Marokkaner, der zwei Mal wöchentlich dieSupermarkt-Reklame in meinen Briefkasten wirft, bot mirein Couscous-Essen mit seiner vielköpfigen Sippe an, wennich seine Heimat vorteilhaft in dem Buch unterbringenkönnte. Um mich anzufeuern, zeigte er mir jede Wochedie große Couscous-Packung, die er – sozusagen in derWarteschleife – in seinem Rucksack trug. England, Schottland und Irland, in noch nie da gewesenerEinigkeit, appellierten an mein Mitleid mit ihrer Küche undbaten um entsprechenden Trost.Um es kurz zu machen: Ich habe das Los entscheidenlassen, und deshalb hatten auch so entlegene Orte wie dieOsterinsel eine Chance, hier vertreten zu sein. Diese Geschichten sind eine bunte Reise rund um denGlobus. Sie sind so eigentümlich und unterschiedlichwie die Kulturen, die Landschaften und die Sprachen.Eine Gemeinsamkeit haben sie aber dennoch: Eine guteGeschichte wird überall gerne gelesen!Viel Vergnügen!8

Der KorbDeutschland / MünsterlandUm diese wahre Begebenheit erzählen zu können, müssenwir das Rad der Geschichte zurückdrehen bis in jene Zeit,als das Tempo, die Weltkriege und das Telefon noch nichterfunden worden waren und im schönen Münsterlandinteressante Bräuche herrschten. Zum Beispiel die Sachemit dem Korb. Wenn ein Mann auf Freiersfüßen wandelte, ließ erdurch einen Vermittler dem Brautvater andeuten, dasser an einem bestimmten Tag zu einem Heiratsantragerscheinen wolle. Falls nun der zukünftige Schwiegersohnaus irgendeinem Grund nicht willkommen war, so wurde– schon von Weitem gut sichtbar – neben der Haustürder Braut ein großer Weidenkorb aufgehängt, und derAbgeblitzte konnte sofort umkehren, ohne jede Peinlichkeitund ohne sein Gesicht zu verlieren. Ein praktischer Brauch. Ein amüsanter Brauch. Oderauch nicht …Es war ein wunderschöner Sonntagmorgen im spätenSeptember. Er passte zur Stimmung des heftig verliebtenJohann Wilfried Schultheiß, der fest davon überzeugt war,dass dieser Tag der glücklichste seines Lebens werdenwürde. Jowi, wie er von seiner Mutter stolz und zärtlich genanntwurde, war wild entschlossen, sich endlich zu verheiratenund der lebenslustigen Susanna Husemann, die ihm seitdem letzten Maitanz nicht mehr aus dem Kopf gegangenwar, einen Antrag zu machen. 9

Selbstverständlich hatte man zuerst einen Vermittlervorgeschickt, wie es der Brauch war. Jowis Patenonkel,der Großbauer Brauckel, hatte sich um diese ehrenvolleAufgabe geradezu gerissen. Er hatte dem Husemann-Hofeinen Besuch abgestattet und vorsichtig auf den Buschgeklopft, ob Jowis Werbung dort willkommen wäre. Bei einer respektablen Schinkenplatte und mehrerenGläsern Korn hatte sich herausgestellt, dass Jowi sich keineSorgen machen musste. Erstens grenzten die Felder der beiden Familienaneinander, was wirtschaftlich sehr praktisch war, undzweitens war der gut aussehende und sanftmütige Jowider Susanna Husemann seit dem Maitanz auch nichtmehr aus dem Kopf gegangen. Was wollte man mehr? DieWerbung war so gut wie akzeptiert. In seinem besten Sonntagsanzug, sorgfältig gekämmt,mit einem frischen Margeritenstrauß bewaffnet und vonseiner Mutter ermahnt „Bleib nicht zu lange dort! Es gibtPfefferpotthast zum Mittagessen!“, machte sich Jowi auf denWeg. Er ging langsam und bedächtig, denn er wollte nichtins Schwitzen geraten. Er freute sich auf Susanna, in dieer so schrecklich verliebt war, und auf die freundlicheAufnahme, die ihm ihre Familie bereiten würde. Man würdeden Neuverlobten gratulieren, einen Korn trinken und dieHochzeit festlegen. Und zu Mittag gab es daheim seinLeibgericht, einen echten westfälischen Pfefferpotthast. Mein Gott, war das Leben schön …Ungefähr zu dieser Zeit kam die Magd Mieke aus demGemüsegarten der Husemanns, wo sie die letzten Zwiebelngeerntet hatte. Der große Weidenkorb war randvoll.10

Mieke war fleißig wie eine Ameise und den ganzen Tagin Bewegung. Leider war ihr Verstand nicht von derselbenBeweglichkeit. Sich über etwas Gedanken zu machen, hieltsie für reine Zeitverschwendung, und ihr Gedächtnis warwie ein weitmaschiges Sieb. Daher war ihr auch völlig entfallen, warum die FamilieHusemann heute den Kirchgang hatte ausfallen lassenund stattdessen erwartungsvoll in der guten Stubeversammelt war. Ab und zu erschien ein Gesicht hinterden Fensterscheiben und spähte hinaus auf den Weg, derzum Haus führte. Die Magd musterte prüfend die geernteten Zwiebeln. Siewaren noch etwas feucht vom Morgentau und es schienratsam, sie in der Sonne ausdampfen zu lassen, bevor sieim Vorratskeller verschwanden. Ächzend hob Mieke den großen Korb hoch und hängteihn an den Haken neben der Haustür, wo er von der Sonnefreundlich beschienen wurde. Die Flasche Wein, die Patenonkel Brauckel zum Anstoßenauf das glückliche Paar gestiftet hatte, stand ungeöffnetauf der Anrichte. Verstört, mit kalkweißem Gesicht und roten Augen saßJowi vor dem Pfefferpotthast und stocherte verzweifelt aufdem Teller herum. Seine glückliche Welt war in dem Augenblick in tausendScherben zersplittert, als er sich dem Husemann-Hofgenähert und den Korb neben der Tür erblickt hatte. Erhatte heftig geblinzelt, hatte sich die Augen gerieben – aberdas grausame Bild hatte nicht verschwinden wollen. DerKorb blieb da. Sein Heiratsantrag war eindeutig abgelehntworden. 11

Er konnte es immer noch nicht fassen. Auch seineFamilie und vor allem Patenonkel Brauckel, der sich fürdie vergeigte Werbung verantwortlich fühlte, waren ratlosund suchten nach einer Erklärung. Hatte ein Nebenbuhler den armen Jowi verleumdet?Trugen es die Husemanns der Schultheiß-Familie dochnoch nach, dass es einst zwischen den Urgroßväterneine Fehde wegen eines verdorbenen Schinkens gegebenhatte? Hatte sich die schöne Susanna kurzfristig in einenanderen verliebt? Bei diesem Gedanken schossen dem Verschmähtendie Tränen in die Augen. Er legte die Gabel beiseite undverbarg das Gesicht in den Händen. Seine Eltern wechselten bestürzte Blicke. „Ich werde morgen zu Husemanns gehen“, murmelteVater Schultheiß, dem es wehtat, seinen sensiblen Sohn soleiden zu sehen. „Ich werde das klären. Ich will wissen, wasman ihm vorwirft. Diesen Korb wird man mir begründenmüssen …“Die Husemanns hatten geduldig auf Jowi gewartet. Je später es wurde, desto länger und ratloser wurden ihreGesichter. Als die Uhr auf dem Kirchturm zwölf schlug, warallen klar, dass der so freudig erwartete Bräutigam nichtmehr kommen würde. Der gute Korn, den man für denfeierlichen Augenblick vorgesehen hatte, stand ungeöffnetauf dem Tisch wie ein nicht eingelöstes Versprechen. Nachdem der letzte Glockenschlag verklungen war,brach die schöne Susanna in Tränen aus und schluchzteso verzweifelt, dass alle sie bestürzt umringten. Susanna weinte, als ginge es um ihr Leben. Sie warso sicher gewesen, dass Jowi sie genau so sehr liebte12

wie sie ihn. Abgesehen von der Enttäuschung und derSchande, dass er sie sitzen gelassen hatte, war da noch dieschmerzende Ungewissheit über die Gründe dafür. Hatte jemand Schlechtes über sie verbreitet? War ihre Mitgift nicht hoch genug? War der alte Streit der Urgroßväter wegen desvergammelten Schinkens wieder in Erinnerung gekommen? Oder hatte gar ein anderes Mädchen sein Herz gestohlen? Dieser Gedanke ließ Susanna mit so viel Wehaufschluchzen, dass Vater Husemann aufsprang und ausdem Haus stürmte. Er brauchte frische Luft, um seineEmpörung in den Griff zu kriegen und über das Rätsel vonJowis Verhalten nachzudenken. Da er mit viel Schwung aus der Tür gesaust kam, prallteer mit dem Kopf gegen etwas, das dort nicht hingehörte.Es war ein großer Weidenkorb, der gut sichtbar am Hakenhing und von einer freundlichen Herbstsonne beschienenwurde. Sprachlos starrte Vater Husemann auf den randvollenKorb. Runde pralle Zwiebeln glänzten im Licht. Mieke … Als Gott diese Magd erschuf, hatte er das Gehirnvergessen! Noch niemals zuvor hatte man Vater Husemannderartige Flüche über den Hof brüllen hören (die ganzeFamilie bekreuzigte sich), und noch nie zuvor hatte er eineMagd geohrfeigt und mit Zwiebeln beinahe gesteinigt. Er beruhigte sich erst, nachdem man zwei Gläser Kornin ihn hineingeschüttet hatte und die schöne Susanna, dieabwechselnd weinte und lachte, den vermaledeiten Korbvom Haken nahm. 13

„Mein Gott!“, stieß Mutter Husemann verstört hervor.„Der arme Jowi! Der arme Junge! Was muss er von unsdenken? – Hoffentlich ist es noch nicht zu spät …“Natürlich hat Jowi seine Werbung wiederholt. Diesmal gingen die Husemanns kein Risiko ein. ZweiVettern standen vor dem Haus Wache und hielten strengeAusschau nach Körben, die dort nichts zu suchen hatten.Erst als die schöne Susanna, strahlend vor Glück, demBräutigam nach einem gejubelten Jawort in die Arme sank,verließen die Vettern ihren Posten und stießen mit derFamilie an. Diese Ehe, die um Haaresbreite an einem Zwiebelkorbgescheitert wäre, wurde übrigens sehr glücklich und hatlange gedauert.Und was ist geblieben von diesem unterhaltsamen Brauchim schönen Münsterland? Die Körbe werden schon lange nicht mehr aufgehängt.Nur die Redewendung „Sie hat ihm einen Korb gegeben“erinnert noch an so manche Werbung, die nicht erhörtwurde …14


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