["Diesem Respekt vor der Freiheit der anderen musste sich schon Leibniz mit seinem nicht gestellten Heiratsantrag an Sophie beugen. Die Beispiele von Leibniz und Waldemar haben vieles gemeinsam, aber sie unterscheiden sich in einem wes- entlichen Punkt. F\u00fcr Leibniz l\u00e4ge die Ehe mit Sophie in einem einzigen gro\u00dfen Schritt, der mit sehr gro\u00dfer Unsicherheit verbunden ist \u2013 dem Heiratsantrag. Wal- demars Ehe wird wiederbelebt durch viele kleine Schritte, die klein gehalten werden, damit die Unsicherheit ertr\u00e4glich wird. Und diese vielen kleinen Unsicherheits- schritte machen seine Ehe lebendig. Das Leben hat also diese doppelte Botschaft an uns. Zum einen verlangt es, dass wir 101","uns auf unsicheres Terrain begeben \u2013 sonst sind wir Maschinen und sterben vor Langeweile \u2013, das ist beklemmend und faszinierend zugleich. Zum andern fordert es aber nicht von uns gr\u00f6\u00dfere Risiken als notwendig einzugehen. Wir k\u00f6nnen \u2013 und sollten auch \u2013 versuchen, gro\u00dfe Unsicher- heiten in kleinere Schritte aufzuteilen. In diesem Umgang mit Unsicherheit erzeugt und erf\u00fcllt sich unser Leben immer wieder von Neuem. Gerade auch sehr viele junge Men- schen versuchen in Herzensangelegen- heiten ohne direkte Frage zu einer Ant- wort zu kommen, um sich die Unsicher- heit zu ersparen. Sie versuchen es mit heimlichen Zeichen, die leider allzu oft 102","nicht verstanden werden. Viel sp\u00e4ter gibt es dann auf Klassentreffen h\u00e4ufig folgen- den Dialog: \u00abWas war ich damals unsterb- lich verliebt in dich!\u00bb \u00abWenn ich das ge- wusst h\u00e4tte, h\u00e4tte aus uns was werden k\u00f6nnen, warum hast du denn nichts gesagt?\u00bb \u00abDu hast auf keines meiner Zeichen reagiert. Deshalb dachte ich, du interessierst dich nicht f\u00fcr mich. Mit ein- em kleinen Zeichen von dir h\u00e4tte ich viel- leicht den Mut aufgebracht dich direkt zu fragen!\u00bb Wenn man den Schritt so klein macht, dass die andere das Zeichen gar nicht ver- steht, besteht auch keine Chance mehr weiterzukommen. Wir k\u00f6nnen die Un- 103","sicherheit also nicht durch immer kleinere Schritte beliebig reduzieren. Aber wo liegt die Untergrenze? Wenn das Zeichen von einer Klassen- kameradin zur anderen so klein ist, dass diese es nicht auf Anhieb versteht, dann ist diese Grenze wohl erreicht. Die oder der Angesprochene k\u00f6nnte dieses kleine Zeichen nur dann verstehen, wenn sie oder er viel mehr Aufwand in seine Ent- schl\u00fcsselung steckt und bei der Deutung auch noch Gl\u00fcck hat. Daraus folgern wir: Die Grenze ist dann erreicht, wenn das Aufteilen in kleinere Schritte mehr Res- sourcen (Aufwand) von der Umwelt bin- 104","det als es der noch gewonnene Sicher- heitsgewinn rechtfertigt. Dieser Gedanke ist so zentral, dass es sich lohnt, ihn weiter zu illustrieren und zu entwickeln. Wieviel Risiko muss sein? \u21a9 Julia bekommt von der Mutter den Auftrag den Wasserbottich in ihrer K\u00fcche zu f\u00fcllen: \u00abHier, nimm den kleinen Kessel und hol das Wasser beim Brunnen. Aber pass auf, Julia, mach nicht wieder die Treppe nass!\u00bb Die kleine Julia wei\u00df, was Mutter meint. Das letzte Mal, als sie den Bottich mit Wasser f\u00fcllte, hat sie den kleinen Kessel immer ganz voll gemacht. War das ein Spa\u00df! Nur ganz selten hat es 105","geklappt, den vollen Kessel in den Bottich zu leeren. Meistens war etwas Wasser beim Hochrennen \u00fcber den Kesselrand geschwappt und manchmal ist Julia auch hingefallen. Die Treppe verwandelte sich dann jeweils in einen kleinen Sturzbach. Julia fand das ganz lustig und nach zwan- zig Mal war der Bottich trotzdem voll. Aber Mutter schimpfte geh\u00f6rig wegen der nassen Treppe. Dieses Mal will es Julia besser machen. Ich nehme nur ganz wen- ig Wasser im Kessel mit, denkt sie, und gehe dann ganz vorsichtig die Treppe hoch. Als das auf Anhieb ohne Versch\u00fct- ten klappt, rennt Julia gl\u00fccklich wieder die Treppe runter, nimmt die gleiche Menge aus dem Brunnen und geht wieder vor- 106","sichtig die Treppe hoch. Nachdem Julia das zwanzig Mal gemacht hat, beginnt sie zu seufzen: \u00abMutti, jetzt bin ich schon so viele Male beim Brunnen gewesen und schau wie wenig Wasser immer noch im Bottich ist? Ist das langweilig! Darf ich nicht wieder in die Stube gehen und mit meinen Puppen spielen?\u00bb Julia gewinnt durch die Verkleinerung der Schritte mehr Sicherheit. Dadurch kontrolliert sie die Situation. In der Begeg- nung mit der Welt hat nun sie die Nase vorn. Die Reaktion des vorher v\u00f6llig auto- nomen Systems Welt ist f\u00fcr sie viel be- rechenbarer geworden. Es ist aber sie selbst, die durch diesen Sicherheitsge- winn unberechenbarer geworden ist. Die 107","Mutter und mit ihr die ganze Welt wissen nicht, wie lange Julia das aush\u00e4lt und wann sie die \u00dcbung abbricht. Julia kon- trolliert alles: Bei jedem Schritt wei\u00df sie, dass er im Prinzip erfolgreich ausgef\u00fchrt werden kann, sie wei\u00df aber auch, dass sie ihn nicht ausf\u00fchren muss \u2013 sie hat bei je- dem Schritt als Alternative das Puppen- spiel vor Augen. Diese totale Kontrolle \u00fcber die Situation mit der bewussten M\u00f6glichkeit nach jedem Schritt aussteig- en zu k\u00f6nnen hat zur Folge, dass Julias Bewusstsein jeden Schritt einzeln regist- riert. Ihre Zeit dehnt sich. Die Langeweile ist umso gr\u00f6\u00dfer, je besser sie die Situation kontrolliert und je kleiner die Schritte sind. 108","Dies erkl\u00e4rt den Zeitdehnungseffekt bei der Unsicherheitsreduktion. Und es erkl\u00e4rt auch die Langeweile in Waldemars und Lottis Ehe. W\u00e4hrend ihrer Funkstille interagieren sie nur dort mitein- ander, wo jede die Situation vollst\u00e4ndig kontrollieren kann. Ausbrechen k\u00f6nnen sie aus der Langeweile nur, indem sie eine Alternative w\u00e4hlen, die mit Unsicherheit verbunden w\u00e4re. Dies ist das grundlegende Dilemma zwischen Langeweile und Unsicherheit. Seltsamerweise machen wir oft auch die Erfahrung, dass gerade dann, wenn es sich herausstellt, dass wir eine T\u00e4tigkeit gut beherrscht haben, die Zeit wie im Flug 109","vergangen ist. Aber steht dies nicht im Widerspruch dazu, dass totale Kontrolle zur Langeweile f\u00fchrt? Versuchen wir das Beispiel von Julia leicht abzu\u00e4ndern, um dieses seltsame Zeitvergessen zu verstehen. Nehmen wir an, Julia nimmt jeweils etwas mehr Was- ser in ihren Kessel. Sie nimmt so viel, dass sich der Bottich in der K\u00fcche rasch f\u00fcllt und sie dies als positiven Erfolg wahr- nimmt. Aber nicht so viel, dass die Treppe dabei nass wird. An dieser Herausforder- ung beginnt Julia richtig Spa\u00df zu bekom- men. Daran, ob sie es schafft, eine gr\u00f6\u00df- ere Menge Wasser ohne zu versch\u00fctten in Mutters Bottich zu bekommen. Sie ist zwar herausgefordert, aber am Ende kon- 110","trolliert sie auch hier die Situation. Nicht so total wie vorher, denn in ihrer Freude l\u00e4sst sie mit der Zeit unbewusst eine sehr wichtige Kontrollfunktion los: Pl\u00f6tzlich vergisst sie, dass sie ja nach jedem Mal Wasserholen auch abbrechen k\u00f6nnte. Sie sucht nicht mehr bei jedem Schritt nach Alternativen. Sie vergisst vollst\u00e4ndig, dass sie auch mit ihren Puppen spielen k\u00f6nnte. Dadurch wird jetzt auch nicht mehr jeder einzelne Schritt in ihrem Bewusstsein re- gistriert. Vielmehr empfindet sie einen an- genehmen Fluss der ganzen Situation, ohne jeden Takt einzeln zu sp\u00fcren. Da- durch vergeht die Zeit viel schneller und sie wird eins mit ihrer Aufgabe. 111","Julias Zeitempfinden hilft ihr also, eine angemessene Untergrenze f\u00fcr die Gr\u00f6\u00dfe ihrer Schritte zu w\u00e4hlen. Will sie zu viel Sicherheit und unterschreitet diese Unter- grenze, dann wird sie aus Langeweile ab- brechen. F\u00fcr sie gibt es ein optimales Quantum Wasser, welches sie pro Mal transportieren kann. Ein Quantum, das klein genug ist, damit sie ihre Aufgabe noch gut l\u00f6sen kann; aber auch gro\u00df ge- nug, damit sie sich mit ihrer Aufgabe so stark identifiziert, um nicht st\u00e4ndig auf der Suche nach Alternativen zu sein. Langeweile ist also das Warnsystem f\u00fcr Julia, welches ihr mitteilt, wann sie mit zu viel Sicherheit operiert und wann ihre Interaktion mit der Welt h\u00f6here Quanten 112","und Unsicherheitsschritte erlaubt. (Im Gegensatz dazu w\u00e4re Stress das Warn- system, das Julia sagen w\u00fcrde, wann sie mit zu gro\u00dfen Quanten und Unsicher- heitsschritten mit der Welt interagiert. Aber wollen wir doch hoffen, dass Julia in ihrem zarten Alter noch keinem Stress ausgesetzt ist.) Wie der Geist sich mit der Materie abm\u00fcht \u21a9 Kann es sein, dass Ihnen selbst etwas langweilig geworden ist bei diesen langen Ausf\u00fchrungen \u00fcber die Langeweile? Ich muss gestehen, ein Bisschen ist das hier \u2013 hoffentlich nur f\u00fcr kurze Zeit \u2013 von mir nicht ganz ungewollt. Wenn Sie erleben, 113","wie m\u00fchsam es sein kann, etwas gar detaillierten Ausf\u00fchrungen zu folgen, sp\u00fcren Sie Ihr Zeitempfinden als unange- nehme Langeweile am eigenen Leib. Ihnen widerf\u00e4hrt diese Langeweile als etwas, das von au\u00dfen kommt. Als \u00e4u\u00dfere Bedingung Ihres Erlebens. Sie merken, dass Sie f\u00fcr jede Zeile weiterlesen einen Grundaufwand betreiben m\u00fcssen, unab- h\u00e4ngig davon, wie spannend es ist. Genauso wie Julia f\u00fcr jedes Mal Wasser holen einen Grundaufwand betreiben muss, der unabh\u00e4ngig von der transport- ierten Menge ist. F\u00fcr jedes Quantum Wasser muss sie einmal die Treppe runter und einmal rauf. Jedes Quantum Wasser muss mehr Nutzen erzeugen, als es Auf- 114","wand verursacht. Und so geht es auch Ihnen: Beim Weiterlesen muss jede Zeile zumindest mehr Nutzen (Spa\u00df, Spannung, usw.) erzeugen, als es Ihnen Aufwand verursacht. Sonst macht es keinen Sinn. Und in der Sinnlosigkeit wird sich Julias, resp. Ihr Zeitempfinden in der Langeweile zur\u00fcckmelden. Den Grundaufwand, den Sie und Julia betreiben m\u00fcssen, erfahren Sie also als Bedingung von au\u00dfen, die Sie nicht steuern k\u00f6nnen, ohne die Situation grundlegend zu ver\u00e4ndern. Diese Beding- ungen von au\u00dfen sind aber im eigent- lichen Sinne von der Materie bestimmt: Bei Julia ist es der Brunnen, die L\u00e4nge des Weges, die Treppe, der Kessel, die Be- schaffenheit des Wassers, sind es die 115","physischen M\u00f6glichkeiten ihres eigenen K\u00f6rpers; bei Ihnen ist es die Spannkraft Ihrer Augen, Ihre Konzentrationsf\u00e4higkeit, die M\u00fcdigkeit Ihres K\u00f6rpers und so weit- er. Es sind \u00abmaterielle Bedingungen\u00bb f\u00fcr Julia und f\u00fcr Sie. Und es ist immer die Ma- terie, mit welcher Sie und Julia direkt wechselwirken, jedes Mal, wenn Julia Wasser holt, jedes Mal, wenn Sie eine Zeile weiterlesen. Diese materiellen Be- dingungen bestimmen also die Unter- grenze f\u00fcr die Gr\u00f6\u00dfe der Schritte: die Minimalmenge Wasser bei Julia, resp. der von Ihnen noch akzeptierte Detaillier- ungsgrad meiner Ausf\u00fchrungen. Was wir hier beschrieben haben, ist nichts anderes als die Bedingung, die der 116","Geist in der Wechselwirkung mit der Ma- terie erf\u00e4hrt. Wenn wir etwas von der Welt wollen, m\u00fcssen wir \u00fcber die Materie mit ihr wechselwirken und dann sind wir diesen materiellen Bedingungen aus- gesetzt. Aus diesen Bedingungen ergibt sich auch unser Zeitempfinden. Dass wir nur in ganzen Schritten mit der Welt wechselwirken k\u00f6nnen, kommt daher, dass wir und die Welt uns gegenseitig als autonom, also als unberechenbar und frei erfahren. (Wenn Sie zum Beispiel dies hier lesen, interagieren Sie mit diesem Text und erleben dessen Autonomie in der Tatsache, dass er sich Ihnen nur in ganzen Bedeutungseinheiten erschlie\u00dft. Sie k\u00f6nnen einen Gedanken \u2013 resp. einen 117","aufgeschriebenen Satz \u2013 nur als Ganzes aufnehmen nicht jedes Wort oder gar jeden Buchstaben einzeln.) Dies war der Befund aus dem letzten Kapitel. Dort haben wir bereits gesehen, dass diese wechselseitige Autonomie die Quelle der Unsicherheit in unserem Leben ist. Wollen wir nun diese Unsicherheit im Geist redu- zieren, m\u00fcssen wir die Schritte in der Wechselwirkung mit der Materie kleiner machen. Die Materie setzt aber eine Un- tergrenze f\u00fcr diese Unsicherheitsreduk- tion und bestimmt, wie klein die Schritte werden k\u00f6nnen. In jeder Interaktion zwischen Geist und Materie gibt es ein kleinstes Quantum der Wirkung. 118","Der Geist kann also nicht in beliebig kleinen Quanten mit der Materie wechsel- wirken. An welches verbindende Muster zwischen Geist und Natur erinnert uns dieser Umstand? Der ber\u00fchmte deutsche Physiker Max Planck (1858-1947) wies im Jahre 1901 in seiner bahnbrechenden Arbeit [8] nach, dass die Wechselwirkung zwischen einem Schwarzen K\u00f6rper und seiner W\u00e4rmestrahlung nur durch die Einf\u00fchrung einer neuen Hilfskonstante h (der Planck-Konstante) umfassend erkl\u00e4rt werden kann. Diese Hilfskonstante ent- puppte als eine neue universelle Natur- konstante, als minimales Wirkungsquan- tum, welches eine Untergrenze der Wech- selwirkung zwischen jeglicher Form von 119","Licht \u2013 nicht nur von W\u00e4rmestrahlung \u2013 mit Materie angibt. Folglich sehen wir dies als das grundlegende verbindenden- de Muster zwischen Geist und Natur an: Der Geist interagiert mit der Materie gleich wie Licht mit Materie \u2013 bei beiden gibt es ein kleinstes Quantum der Wirkung. Diese \u00dcbertragung von Eigenschaften unserer geistigen T\u00e4tigkeit auf die Quan- tenwelt mag uns an dieser Stelle noch etwas \u00fcber den Zaun gebrochen erschein- en. Es geht uns hier noch \u00e4hnlich wie da- mals Max Planck selbst, als er sein Wir- kungsquantum h lediglich als Hilfskon- stante eingef\u00fchrt hatte, welcher er sich dann sp\u00e4ter wieder entledigen wollte. 120","Diese Hilfskonstante wurde er aber nicht mehr los, ganz im Gegenteil, sie wurde zur Basis eines v\u00f6llig neuen Denkens \u00fcber die physikalischen Eigenschaften der Natur. In den n\u00e4chsten Kapiteln versuchen wir im Detail herauszuarbeiten, warum diese \u00dcbertragung in die Quantenwelt f\u00fcr uns Sinn macht. Wir werden sehen, dass wir hier die Basis gelegt haben f\u00fcr ein zwar ungewohntes, aber durchaus n\u00fctzliches und lebensnahes Denken \u00fcber unsere geistigen T\u00e4tigkeiten und speziell auch \u00fcber unseren Umgang mit der Unsicherheit. 121","Zusammenfassung Kapitel 3 \u21a9 Wir lernen, dass eine Beziehung dann lebendig ist, wenn sie sich st\u00e4ndig neu er- schafft. Unsere Sehnsucht nach Leben- digkeit verlangt von uns das Eingehen von Unsicherheit \u2013 sonst sind wir Maschinen und sterben vor Langeweile. Unser Zeit- empfinden setzt dem Prozess der Un- sicherheitsreduktion also eine untere Grenze. Ist die Unsicherheit sehr klein, empfinden wir unser Leben als mechan- isch und beginnen nach Alternativen zu suchen. Die Wahl einer Alternative ist aber stets mit h\u00f6herer Unsicherheit verbunden. Dies ist das Dilemma zwischen Unsicherheit und Langeweile. In diesem Dilemma ist unser Geist den 122","Bedingungen der Materie ausgesetzt. Es sind diese Bedingungen der Materie, welche unser Zeitempfinden steuern und der Unsicherheitsreduktion eine untere Grenze setzen. Wenn es uns gelingt, die Unsicherheit so klein zu machen, dass wir einer Aufgabe noch gewachsen sind, aber gro\u00df genug, dass sie uns noch erf\u00fcllt, k\u00f6nnen wir uns so stark mit der Aufgabe identifizieren, dass wir darin aufgehen. Statt Langeweile empfinden wir einen angenehmen Fluss der Situation. Dadurch geht die Zeit viel schneller vorbei. Lange- weile ist also ein Warnsystem, das uns sagt, dass wir mit zu viel Sicherheit oper- ieren und mit zu kleinen Quanten mit der Welt interagieren. Dieses Warnsystem 123","wird uns von der Materie vermittelt. In der Wechselwirkung mit der Materie gibt es f\u00fcr unseren Geist also immer ein minimales Quantum der Wirkung. 124","Kapitel 4 Vom Verschwinden der Zeit \u21a9 Die \u00dcberlistung des Kronos und Kairos\u2018 Verschwinden \u21a9 Stellen Sie sich f\u00fcr einen Augenblick die surreale Situation vor, Sie seien ein grie- chischer Gott, Sie seien Uranos, der Him- mel. Zusammen mit Ihrer Frau Gaia, der G\u00f6ttin der Erde, regieren Sie unum- schr\u00e4nkt \u00fcber die Welt. Sie sind es sich gewohnt, dass alles nach Ihrem Willen ger\u00e4t. Pl\u00f6tzlich geschieht Furchtbares: Sie werden entmannt. (Wenn Sie ein Mann sind, lassen Sie die Vorstellung dieses 125","Schmerzes am eigenen Leib zu. Wenn nicht, appelliere ich an Ihr Mitgef\u00fchl.) Einen solchen Schock hat es noch nie in Ihrem Leben gegeben: Sie schreien zuerst vor Schmerz und dann vor Verwunderung, Ihnen, dem m\u00e4chtigen Uranos, kann das nicht passieren. Die Verwunderung wird zur rasenden Wut, als Sie erfahren: Es war Kronos, Ihr eigener Sohn. Kronos, der Gott der Zeit, h\u00e4lt immer noch die blut- triefende Sichel in seiner Hand. Sie sehen in die Augen Ihrer Frau Gaia und wissen: Jetzt bin ich entmachtet. Nachdem sich Ihre erste Wut etwas ge- legt hat, denken Sie: Das lasse ich so nicht auf mir sitzen. Meine Macht ist weg, sie ist jetzt bei Kronos, aber ich werde daf\u00fcr 126","sorgen, dass auch er sie verlieren wird. Sie sehen bereits die Furcht in Kronos\u2018 Au- gen. Wenn Ihnen, dem m\u00e4chtigen Uranos so etwas passieren kann, wieso nicht auch ihm? Teils mit Genugtuung teils mit Schmerz sehen Sie mit an, wie Kronos aus Angst, selbst von einem eigenen Kind entmachtet zu werden, jeden S\u00e4ugling seiner Gemahlin Rhea verschlingt. Das ist Ihre Chance. Sie sprechen sich mit Ihrer Frau ab. Gaia wird Rhea raten, ihren j\u00fcngsten Spross, Zeus, im Verborgenen zu geb\u00e4ren. Statt dem neugeborenen Zeus soll Rhea ihrem Gemahl nur einen in Win- deln gewickelten Stein vorsetzen. Kronos l\u00e4sst sich \u00fcberlisten und verschlingt den Stein. Jetzt lachen Sie \u00fcber Ihren Sohn. 127","Denn der Stein bekommt Kronos nicht. Zusammen mit ihm kotzt er alle ver- schlungenen Spr\u00f6sslinge der Reihe nach wieder aus. Kronos hasst seine Kinder. Aber diese leben, und mit Genugtuung sehen Sie als Uranos zu, wie Ihre Enkel sp\u00e4ter Kronos im Kampf gegen die Titan- en st\u00fcrzen. Jetzt wissen Sie also, nicht nur Sie selbst, Uranos, sind verwundbar: Auch Kronos, auch die Zeit l\u00e4sst sich \u00fcberlisten und entmachten. Dies ist zwar nur eine \u2013 ziemlich frei variierte \u2013 Kurzversion des Mythos \u00fcber die \u00dcberlistung des Kronos. Aber ich hof- fe, Sie sp\u00fcren schon etwas von dieser Faszination, die die antiken Mythen um- 128","gibt und die sie uns noch heute wie span- nende Abenteuerromane lesen l\u00e4sst. Die \u00e4ltesten Darstellungen der griech- ischen Mythologie zeigen Kronos mit ein- er Sichel, einer kleinen Sense, die j\u00e4h und unverhofft zuschlagen kann. Dieses Aus- geliefertsein an die Macht und Willk\u00fcr der Zeit ist eine Grunderfahrung unserer Be- gegnung mit der Welt. Wer kennt dies nicht: ein pl\u00f6tzlicher Schicksalsschlag, der Tod einer geliebten Person, die K\u00fcndigung des Arbeitsplatzes. Auch Sch\u00f6nes kann uns so widerfahren: die schlagartige Er- kenntnis, sich unsterblich verliebt zu ha- ben, ein unverhoffter Lottogewinn, die pl\u00f6tzliche Erf\u00fcllung eines Lebenstraums. Wenn Kronos\u2018 Sichel zuschl\u00e4gt, erfahren 129","wir dies als gro\u00dfes Unsicherheitsereignis, das unserem Leben abrupt eine neue Richtung gibt. Schon die alten Griechen wussten, dass wir der Zeit in dieser r\u00fcden Erscheinungs- form nicht v\u00f6llig hilflos ausgeliefert sind. In ihrem Mythos deuten sie darauf hin. Denn Uranos st\u00fcrzt Kronos mit Hilfe seiner Enkel. Wir sind zwar nicht Uranos. Aber ist es auch uns m\u00f6glich Kronos zu \u00fcberlisten? Also die Zeit in dieser besonderen Er- scheinungsform, die unser Leben so j\u00e4h in eine andere Richtung lenken kann? Statt diese Frage direkt zu beant- worten, versuchen wir doch diesen 130","Kronos erst mal etwas besser kennen- zulernen. Kronos kann noch mehr als nur abrupt mit der Sense zuschlagen. In sp\u00e4teren Darstellungen h\u00e4lt Kronos in der einen Hand die Sense und in der anderen eine Sanduhr. Eine Sanduhr ist nicht bedroh- lich wie die Sense. Das leise Rieseln der Sandk\u00f6rner durch das Loch im Glas wirkt beruhigend, es ist berechenbar. In \u00e4lter- en Darstellungen fehlt die Sanduhr, was wohl damit zu tun hat, dass es sie in Wirklichkeit gar nicht braucht. Die Sense kann in die gleiche Rolle schl\u00fcpfen. Auch sie kann beruhigend und berechenbar sein. Ich erinnere mich noch gut an das ruhige und stete Ger\u00e4usch der Sense des 131","Bauern, dem ich als Kind jeweils im Som- mer beim M\u00e4hen der Bergwiesen half. In diesen Momenten waren ich und der Bauer eins mit uns und der Welt. Das abrupte Zuschlagen mit der Sense und das gem\u00e4chliche M\u00e4hen einer Wiese sind zwei Gesichter des Kronos, zwei ex- treme Arten, wie wir der Welt begegnen k\u00f6nnen: Auf die eine Art erfahren wir die Welt als v\u00f6llig unberechenbar, auf die an- dere haben wir sie maximal unter Kontrol- le. Beide Gesichter k\u00f6nnen sch\u00f6n und h\u00e4sslich sein: Der Sensenschlag kann eine gl\u00fcckliche F\u00fcgung oder einen schweren Schicksalsschlag bedeuten, das M\u00e4hen kann beruhigend, aber auch langweilig oder beschwerlich sein. 132","F\u00fcr die alten Griechen waren noch an- dere Erscheinungsformen der Zeit von Be- lang. So haben sie sich neben Kronos ein- en weiteren Gott als personifizierte Zeit ausgedacht. Diesen nannten sie Kairos. Kairos steht f\u00fcr den richtigen Zeitpunkt einer Entscheidung. L\u00e4sst man diesen Zeitpunkt verstreichen, kann dies nach- teilig sein. Kairos wird als kahlk\u00f6pfiger Mann dargestellt, der nur vorne an der Stirn einen Lockenschopf hat. Er kommt mit seinen gefl\u00fcgelten F\u00fc\u00dfen rasch ange- flogen, und wenn wir ihn nicht rechtzeitig vorne am Schopf packen, ist er schon vorbei und von hinten bekommen wir seinen Kahlkopf nicht mehr zu fassen. 133","Kairos steht f\u00fcr M\u00f6glichkeiten zwischen den beiden Kronos-Extremen, zwischen dem Sensenschlag \u2013 der v\u00f6lligen Unbe- rechenbarkeit \u2013 und dem M\u00e4hen \u2013 dem v\u00f6lligen Beherrschen. Es gibt einen opti- malen Zeitpunkt, den wir nutzen oder auch verpassen k\u00f6nnen. Dieser ist halb berechenbar, halb nicht. Und das er\u00f6ffnet uns Gestaltungsm\u00f6glichkeiten. Wir selbst k\u00f6nnen mit dazu beitragen Kairos am Schopf zu packen. Auch Kairos k\u00f6nnen wir auf verschiede- ne Arten sehen: von vorne, von hinten, wenn wir ihn im richtigen Zeitpunkt pack- en oder aber verpassen. Von vorne geseh- en repr\u00e4sentiert er einen hoffnungsvollen Grundzustand, die Chance, die sich immer 134","schon anbahnt. Von hinten repr\u00e4sentiert er einen niedergeschlagenen, depressiv- en Grundzustand, die Chance, die immer schon vertan ist. Die alten Griechen sahen in Kairos die Aufforderung an uns, etwas aus unseren Chancen zu machen, unsere Zeit, unsere Begegnung mit der Welt selbst in die Hand zu nehmen und mitzugestalten. Kronos und Kairos stehen also f\u00fcr Er- scheinungsformen der Zeit, f\u00fcr verschied- ene Begegnungsarten mit der Welt: Die Welt, die unberechenbare, in der uns etwas unerwartet Positives oder Negatives geschieht. 135","Die Welt, die uns berechenbar er- scheint, in der wir wissen, was als N\u00e4chstes passiert, als \u00dcbern\u00e4chstes usw., was wir als langweilig oder als m\u00fchsam empfinden k\u00f6nnen, aber manchmal auch als Gef\u00fchl eins zu sein mit uns und mit ihr. Die Welt, die hoffnungsvolle, die uns immer neue Chancen anbietet, die wir nutzen k\u00f6nnen. Und schlie\u00dflich auch die Welt, die uns niedergeschlagen macht, in der alle Chancen immer schon verpasst sind. 136","Dies ist also das kleine Inventar der Erscheinungsformen der Zeit, der Begeg- nungsarten mit der Welt, wie sie schon die alten Griechen kannten. Ist diese Liste vollst\u00e4ndig? Sicher k\u00f6nnten wir noch wei- tere Zwischenformen zwischen Kronos\u2018 Extremen ausfindig machen. Aber machen Sie mal die Probe aufs Exempel. \u00dcber- legen Sie sich f\u00fcr einen Moment, was Sie gestern alles erlebt haben. Ich bin mir fast sicher, Sie werden jede einzelne Erinner- ung leicht der Liste zuordnen k\u00f6nnen. Alles, was Sie erlebt haben, entspricht einer bestimmten Erscheinung von Kro- nos oder Kairos. Wenn Sie sich \u00fcberlegen, was Sie gest- ern alles gemacht haben, werden Sie wohl 137","kaum zum Schluss kommen, dass Sie der Zeit v\u00f6llig hilflos ausgeliefert waren. Wenn Sie an Ihrem freien Vormittag ein- kaufen gegangen sind, konnten Sie alles sch\u00f6n vorausplanen. Sie wussten, was als N\u00e4chstes kommen wird, als \u00dcbern\u00e4chstes usw. \u2013 Sie sahen den m\u00e4henden Kronos. Da waren Sie nicht ausgeliefert. Am Nach- mittag vielleicht schon eher, als Sie ein schwieriges Gespr\u00e4ch mit Ihrer Chefin hatten. War das eine Chance \u2013 sahen Sie den heranfliegenden Kairos? Die h\u00e4tten Sie vielleicht packen k\u00f6nnen. Oder waren Sie schon vorher niedergeschlagen, weil bei Ihrer Chefin eh Hopfen und Malz ver- loren ist \u2013 sahen Sie Kairos\u2018 Kahlkopf von 138","hinten? Dann f\u00fchlten Sie sich in der Tat ausgeliefert. Nein, Sie waren der Zeit nicht immer v\u00f6llig ausgeliefert. Aber es gibt schon Situationen, in denen Sie sich w\u00fcnschen, Sie m\u00fcssten der Welt jetzt nicht gerade so entgegentreten wie Sie es eben tun, son- dern h\u00e4tten andere M\u00f6glichkeiten. Welche M\u00f6glichkeiten haben wir, von einem Zustand in den anderen zu wech- seln? Die Begegnung mit der Welt anders zu gestalten als sie ist. Wie kommen wir von einem depressiven Grundzustand in einen hoffnungsvollen? Wie kommen wir von einem negativen Unsicherheitsereig- nis in ein positives Beherrschen der Welt, 139","in eine T\u00e4tigkeit, in der wir voll aufgehen? Wie von der Langeweile zum Ergreifen einer Chance? Kurz, wie kann sich unser Geist in der Zeit entfalten? Schauen wir mal, wie ein kleines Kind ganz nat\u00fcrlich mit diesem Wunsch, mit dieser Frage umgeht. Die kleine Lisa lernt und im Lernen \u00e4ndert sich das jeweilige Gesicht der Zeit permanent. Damit ein neues Gesicht zum Vorschein kommen kann, muss das alte verschwinden. Schon die kleine Lisa ist eine Meisterin darin, eine Erscheinungs- form Zeit virtuos immer wieder neu zum Verschwinden zu bringen. 140","Lisa lernt laufen \u21a9 Kairos verschwindet, indem er vorbei- huscht: Lisa ist zw\u00f6lf Monate alt. Lisa krabbelt in der ganzen Wohnung herum. Am liebsten r\u00e4umt sie aber die unteren Schubladen in Mutters K\u00fcche aus. Wenn sie eine Schublade zieht, kommen die wunderlichsten Dinge zum Vorschein. Da sind zum Beispiel diese runden Dinger, die man leicht greifen kann, weil da so ein St\u00e4ngel dran ist. Lisa hat genau gesehen, wie Mutter sie anfasst und oben aufstellt. Lisa versucht es ihr gleichzutun. Dazu muss sie sich aber aufrichten. Mit einer Hand greift sie oben an der Schublade, mit der anderen das runde Ding am St\u00e4n- gel. Zu schwer! Lisa l\u00e4sst es fallen. Sie will 141","weinen. Pl\u00f6tzlich merkt Lisa: Ich stehe ja auf beiden F\u00fc\u00dfen! Ich stehe wie Mama und Papa, die krabbeln nicht herum wie ich. Die stehen frei auf zwei F\u00fc\u00dfen und k\u00f6nnen laufen. Das m\u00f6chte ich jetzt auch. Das ist die Gelegenheit! Gleich kommt Mama von oben die Treppe herunter. Dann zeige ich ihr, wie ich schon laufen kann. Mama kommt herein und st\u00f6\u00dft einen kleinen Schrei aus: \u00abWas hast du blo\u00df wieder angestellt, Lisa?\u00bb. Sie packt Lisa, nimmt sie auf den Arm und schimpft. Lisa beginnt nun wirklich laut zu weinen. So gern h\u00e4tte sie Mama gezeigt, wie gut sie schon laufen kann. Kairos verschwindet, Kronos kommt: Lisa ist jetzt dreizehn Monate alt. Lisa hat 142","schon mehrmals versucht, selbst\u00e4ndig zu laufen. Sie versucht es immer gleich. Sich an der Wand mit den H\u00e4nden hochziehen. Dann H\u00e4nde loslassen und los. Drei Schrit- te gehen fast immer, dann f\u00e4llt sie hin. Mama ermuntert sie weiter zu machen. Mama h\u00e4lt beide Arme auf. Lisa denkt, das schaffe ich jetzt. Ein Schritt, zwei, drei, vier und sie ist im Mamas Armen. \u00abJetzt kannst du\u2019s! Ich bin stolz auf dich! Eins, zwei, drei, vier, f\u00fcnf\u2026 und immer weiter, immer weiter.\u00bb Kronos verschwindet: Lisa ist f\u00fcnfzehn Monate alt. Mama, Papa und Lisa gehen spazieren. Lisa denkt, ich kann auch schon reden wie Mama und Papa. Lisa plaudert und plaudert ihr Kauderwelsch und will, 143","dass ihre Eltern zuh\u00f6ren. Papa sagt zu Mama: \u00abSchau, wie unsere Kleine zu reden versucht und dabei schon laufen kann, ohne daran denken zu m\u00fcssen!\u00bb F\u00fcr Lisa verschwindet die Zeit gleich dreimal. Dreimal wechselt sie ihre Er- scheinungsform. Und Lisa lernt, dies mit zu beeinflussen. In den Bildern von Kro- nos und Kairos gedacht, durchl\u00e4uft sie drei Lernschritte, die im Folgenden etwas allgemeiner formuliert sind, sich aber ganz leicht auf die gerade erz\u00e4hlte Ge- schichte von Lisa \u00fcbertragen lassen. Kairos verschwindet, indem er vorbeihuscht: Kairos fliegt vorbei. Lisa verpasst ihn aber. Sie sieht ihn 144","am Schluss nur noch von hinten. Ihre Welt wird dominiert von der vertanen Chance. Lisa weint. Kairos verschwindet, indem Kronos ihn ersetzt: Irgendwann schafft sie es, dass sie Kairos immer, wenn er vorbeifliegt, erwischt. F\u00fcr Kairos wird Lisa zum zuschlagenden Kro- nos. Dann bringt sie Kairos dazu, immer wieder verl\u00e4sslich herbei- zufliegen. Ihre Chancen kehren ver- l\u00e4sslich wieder und sie packt sie wiederkehrend auch am Schopf. So verl\u00e4sslich, dass wir unsere Uhr danach stellen k\u00f6nnen. Lisa sieht statt Kairos nur noch den m\u00e4h- enden Kronos. 145","Kronos verschwindet: Lisa folgt ihren Chancen und befindet sich permanent in der Phase, wo sie sie immer gerade einen Schopf packt. Sie vergisst die Zeit und geht voll im Wahrnehmen ihrer Chancen auf. Die Zeit wechselt also ihre Erschein- ungsform, wenn wir lernen uns zu ent- falten. Wie das Beispiel von Lisa zeigt, l\u00e4uft dies nach einem bestimmten Muster ab. Lisa m\u00f6chte laufen lernen. Klar, irgendwann muss sie ihre Chancen dazu sehen. Aber wie kommt sie zu ihren Chancen? Und wie schafft sie es, dass diese verl\u00e4sslich wiederkehren? Wie kann sie das beeinflussen? Im Beispiel ist es ein Zufall, dass sie die Chance sieht. Sie steht 146","pl\u00f6tzlich aufrecht ohne es gewollt zu haben und will dann weitergehen. Es ist Lisas kreativer Akt, dass sie erkennt: Sich Aufrichten ist eine gute Ausgangslage um laufen zu k\u00f6nnen. Wie kommen wir zu solchen Erkennt- nissen? Wie schaffen wir die Grundlage zu unserer Entfaltung? Schauen wir dazu wieder der Natur zu. Wie entfaltet sich die Natur? Klar, am Wachstum einer Pflanze oder am Aufgeh- en einer Saat k\u00f6nnen wir es sehen. Aber erstaunlicherweise finden wir Entfaltungs- prozesse nicht nur in der belebten Natur, auch die unbelebte Natur bietet ein faszi- 147","nierendes Anschauungsmaterial, was das folgende Beispiel zeigt. Der Bergbach \u21a9 Als ich eines Sommers auf einer Wander- ung in den Bergen war, freute ich mich ein sch\u00f6n sprudelndes Bergb\u00e4chlein auf einer Alpwiese zu sehen. Bergb\u00e4chlein sind meine Lieblingsgew\u00e4sser. Da ich beim Wandern gern und ausgiebig nach- denke, stellte ich mir die etwas seltsame Frage: Wie hat sich wohl dieses kleine Bergwiesenb\u00e4chlein entfaltet? Und ein paar Schritte weiter: Angenommen ich finde eine Antwort darauf, kann ich dann von diesem Bergb\u00e4chlein, von der Natur 148","etwas f\u00fcr meine eigene Entfaltung lernen? Nach einer Weile Wandern kam mir der erste L\u00f6sungsansatz. Die Struktur \u00abBerg- bach\u00bb muss irgendwie mit der Erosion zu- sammenh\u00e4ngen. Ich stellte mir einen Wassertropfen vor, der einen Sandhaufen runterrutscht und Sand mitnimmt, wodurch eine kleine Rinne entsteht. Aber ist Erosion allein daf\u00fcr verantwortlich, dass sich B\u00e4che bilden?, fragte ich mich weiter. Dazu stellte ich mir einen Wasser- tropfen vor, der an einem Glas hinunter- rinnt. Glas ist erosionsfrei, trotzdem bildet sich ein klar begrenztes B\u00e4chlein aus, dessen Weg der Tropfen nimmt. Koh\u00e4- sion, erinnerte ich mich, sorgt daf\u00fcr, dass 149","der Wassertropfen zusammenbleibt. Ich k\u00f6nnte versuchen, die Koh\u00e4sion des Wassers dadurch auszuschalten, indem ich das Glas (oder die Bergwiese) mit Flie\u00dfpapier \u00fcberdecke. Klar!, dachte ich weiter, auf einer mit erosionsfreiem Flie\u00df- papier \u00fcberzogenen Bergwiese k\u00f6nnte sich kein B\u00e4chlein ausbilden. Dort w\u00e4re nichts, woran ich mich erfreuen k\u00f6nnte. Aber wie entsteht nun dieses sch\u00f6ne Gebilde \u00abBergbach\u00bb durch Erosion und Koh\u00e4sion ganz genau? Ich betrachtete nochmals die Wiese, auf der das B\u00e4chlein runter rauschte. Irgendwann muss ein erster Tropfen seinen Weg \u00fcber die Wiese gefunden 150"]
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