["Sandkasten und rasch auch im ganzen Park verbreitet. \u00abSchau Mami\u00bb, sagt Ihnen eine \u00fcber- gl\u00fcckliche Lisa beim Nachhauseweg, \u00abwie viele Burgen wir heute gebaut haben!\u00bb, und zeigt auf ihre beiden H\u00e4nde, deren Finger sie abwechslungsweise spreizt und wieder zur Faust zusammenballt und wieder spreizt. Die Probleml\u00f6sung: Es h\u00e4tte durchaus sein k\u00f6nnen, dass Sie schon mit Ihrem ersten Eingreifen, der Streitschlichtung, einen durchschlagenden Erfolg erzielt h\u00e4tten. Das h\u00e4tten Sie daran erkannt, dass das Umfeld im Sandkasten stabil geblieben w\u00e4re und immer wieder von 201","Neuem und im gleichen Takt Burgen ent- standen w\u00e4ren. Das war aber nicht der Fall. Erst mit der zweiten Idee kam der Erfolg. Was bedeutet das? Die Emergenz eines stabilen Umfelds hat keinen eigenen Code, nach welchem man vorgehen kann. Das Einzige, was Sie tun k\u00f6nnen, ist, zu- s\u00e4tzliche andere Metabolismen und Aus- gleichsmechanismen auszuprobieren. So- bald der Metabolismus m\u00e4chtig genug ist, stellt sich ein stabilisiertes Umfeld wie von selbst, eben emergent, ein. Versuchen wir jetzt das Prinzip zu er- fassen, wie es dazu kommt, dass etwas ganz leicht wird und immer wieder geht und immer wieder geht. Und wie man etwas m\u00fchelos ins Leben rufen und am 202","Leben erhalten kann, das uns w\u00fcnschens- wert erscheint. Nachdem wir festgestellt hatten, dass im Umfeld des Sandkastens im Prinzip alle notwendigen Bestandteile f\u00fcr den Bau einer Burg vorhanden waren, n\u00e4mlich Sand, spielende Kinder und ihr Wille eine Burg zu bauen, waren es drei unterschied- liche Komponenten, die zusammenkom- men mussten, damit m\u00fchelos und in einem fort Sandburgen entstanden: Der Katalysator, der im Umfeld einen Unter- schied macht (Eimer), der Metabolismus (Streitschlichtung und Austausch von m\u00fcden Kindern) und die emergente Struk- tur (Zusammenspiel aller Komponenten). Wie wir gleich sehen werden, sind auch 203","\u00abMetabolismus\u00bb und die \u00abemergente Struktur\u00bb Katalysatoren. Es waren also drei unterschiedlich operierende Kata- lysatoren, die aus diesem Umfeld eine regelrechte \u00abSandburgfabrik\u00bb machten. Alle diese drei Katalysatoren unter- scheiden sich grundlegend in ihrer Funkt- ionsweise. Katalysator 1 operiert im Umfeld direkt. Es braucht etwas, das in diesem Umfeld einen so starken Unterschied macht, dass tats\u00e4chlich binnen kurzer Zeit eine Burg entsteht: den Plastikeimer. Sie verifizieren leicht, dass der Plastikeimer alle drei Kata- lysatoreigenschaften besitzt: 204","1) Eine Burg kann auch ohne Eimer entstehen. 2) Kommt der Eimer ins Umfeld der spielenden Kinder dazu, beschleu- nigt sich der Bau der Burg ganz er- heblich. 3) Der Eimer verbraucht sich nicht beim Burgenbau. Katalysator 2 operiert indirekt am Umfeld. Als Metabolismus versucht er Ver\u00e4nderungen des Umfelds auszu- gleichen. Wie schnell ein Eimer eine Sandburg produzieren kann, kommt auf den Zustand an, in welchem er das Umfeld vorfindet. Wenn die Kinder kooperieren und munter sind, geht das ganz einfach. Sind sie aber streits\u00fcchtig 205","und m\u00fcde, dann geht es nicht. Bereits der erste Metabolismus, die Streitschlichtung, hatte einen gewissen Erfolg, bremste die \u00abErm\u00fcdung\u00bb des Umfelds aber lediglich ab. Auch hier verifizieren Sie leicht, dass dieser Streitschlicht-Meta- bolismus alle drei Katalysatoreigen- schaften besitzt: 1) Eine Burg kann auch ohne Streit- schlichtung entstehen. 2) Kommt die Streitschlichtung ins Umfeld der spielenden Kinder dazu, beschleunigt sich der Bau der Burg wieder. 3) Die Streitschlichtung verbraucht sich nicht. Wenn Sie einmal wissen, 206","wie ein Streit zu schlichten ist, k\u00f6nnen Sie dieses Wissen immer wieder neu anwenden. Katalysator 3 operiert als stabiles Zusammenspiel verschiedener Komponenten im Umfeld. Die Emergenz einer stabilen (Sub-)Struktur im Umfeld garantiert, dass im Prinzip endlos Sand- burgen entstehen. Nat\u00fcrlich ist diese Emergenz stark abh\u00e4ngig davon, welcher Metabolismus auf das Umfeld einwirkt und ob dieser gen\u00fcgend m\u00e4chtig ist. Dennoch arbeitet die emergente Struktur ganz anders als der Metabolismus. W\u00e4hrend der Metabolismus immer nur gewisse Teilerm\u00fcdungserscheinungen im Umfeld ausgleicht (m\u00fcde Kinder gehen 207","raus und muntere kommen rein), operiert die Emergenz als Zusammenspiel vieler Komponenten in einer stabilen Substruk- tur: Sind alle wichtigen Bestandteile f\u00fcr das Sandkastenspiel vorhanden und die Spielregeln auf die Kinder gut abge- stimmt, organisieren sich die Kinder un- tereinander selbst, damit auf optimale Weise sch\u00f6ne Burgen entstehen. Auch die emergente Substruktur besitzt alle drei Katalysatoreigen- schaften: 1) Eine Burg kann auch ohne stabile Substruktur im Umfeld entstehen. 2) Emergiert eine stabile Substruk- tur, beschleunigt sich der Bau der Burg zu einer wiederkehrenden 208","Endlost\u00e4tigkeit. 3) Gerade weil die emergente Sub- struktur stabil ist, verbraucht sie sich nicht. Sandburgen werden im- mer weiter produziert. Die Kopplung von Katalysator 1 und 2 \u21a9 Ein entscheidendes Merkmal f\u00fcr den Er- folg von Lisas Sand-burgenk\u00f6nigreich war das richtige Ma\u00df des Eingreifens von au\u00df- en. Wie stark soll eingegriffen werden? Wie muss der Metabolismus eingestellt sein? Ist er zu schwach, bremst er die Er- m\u00fcdung lediglich ab. Ist er zu stark \u2013 die Kinder werden beispielsweise aufgedreht \u2013, droht dem System anderes Ungemach. 209","Es kommt also auf das richtige Ma\u00df an. Um dieses Ma\u00df zu finden, muss eine Ein- sch\u00e4tzung der Erm\u00fcdung des Umfelds vorgenommen werden. Wie kommt man zu dieser Einsch\u00e4tzung? Beobachtungen und Messungen, die direkt am Umfeld (Sichten von m\u00fcden Kindern, usw.) vorge- nommen werden, liefern eine solche Ein- sch\u00e4tzung. Im Allgemeinen k\u00f6nnen aber solche separaten Messungen am Umfeld gar nicht vorgenommen werden. Um beim Sandburgenbeispiel zu bleiben: Dies ist dann der Fall, wenn Sie nicht direkt feststellen k\u00f6nnen, wie m\u00fcde die Kinder sind, sondern zum Beispiel nur sehen, wie oft der Plastikeimer benutzt wird. Sie sehen dann nur, wie stark Katalysator 1 210","beansprucht wird. Aber auch dies verhilft Ihnen zu einer Einsch\u00e4tzung der Erm\u00fcd- ung: Durch je mehr H\u00e4nde der Plastik- eimer geht, desto mehr Burgen werden gebaut, desto st\u00e4rker erm\u00fcdet auch das Umfeld. Auch so k\u00f6nnen Sie das richtige Ma\u00df f\u00fcr Katalysator 2, den Metabolismus, finden: Sie stellen die Intensit\u00e4t von Kata- lysator 2 ins Verh\u00e4ltnis zur Intensit\u00e4t von Katalysator 1. Wird der Eimer st\u00e4rker ge- nutzt, greift der Metabolismus bremsend ein. Wird der Eimer weniger oft herum- gereicht, greift er f\u00f6rdernd ein. Katalysa- tor 1 (Eimer) wird mit Katalysator 2 (Metabolismus) gekoppelt. Ist diese Kopp- lung richtig eingestellt, entsteht emergent 211","eine stabile Substruktur, die am Sand- burgenk\u00f6nigreich endlos weiter baut. Das Konzept der Kopplung von zwei (vor-emergenten) Katalysatoren wird von vielen physikalischen Apparaturen be- nutzt, deren Ziel ein Endlosprozess ist. Eine dieser Apparaturen wollen wir etwas genauer untersuchen: den Thermostat. Lisa baut einen Thermostat. Lisa, Ihre imagin\u00e4re Tochter ist mittlerweile er- wachsen geworden. Sie will Ingenieurin werden. Dazu muss sie eine Pr\u00fcfung be- stehen: den Bau eines funktionst\u00fcchtigen Thermostats. Lisas Professorin erkl\u00e4rt: \u00abDas Prinzip des W\u00e4rmereglers ist ganz einfach. Die Temperatur wird gemessen. 212","Ist sie zu tief, muss dem System Energie in Form von W\u00e4rme zugef\u00fcgt werden. Ist sie zu hoch, wird dem System W\u00e4rmeenergie entzogen.\u00bb Lisa versucht, einen solchen W\u00e4rme-regler zu bauen. Das System um- schlie\u00dft den Raum eines einfachen Kast- ens, der mit Wasser gef\u00fcllt ist. Lisa will die Temperatur auf 36 Grad K\u00f6rpertempera- tur konstant halten. Beim ersten Versuch beginnt das Wasser nach einer Zeit zu kochen. Lisa ist verwundert. Sie \u00e4ndert etwas an der Motorik des Reglers. Beim zweiten Versuch gefriert das Wasser. Das stresst Lisa jetzt: \u00abWas ist schiefgelauf- en?\u00bb, fragt sie die Professorin. \u00abEs muss an der Koppelung des W\u00e4rmeausgleichs mit der Messtemperatur liegen,\u00bb sagt 213","diese, \u00abversuch die Koppelung anders einzustellen!\u00bb Endlich schafft es Lisa, die Messdifferenz zur Zieltemperatur eins zu eins mit der W\u00e4rmezu- oder -abfuhr zu koppeln. Ist die Temperatur unter 36 Grad und fallend, f\u00fcgt sie W\u00e4rme hinzu: Sie heizt umso mehr, je st\u00e4rker die Tempera- tur f\u00e4llt. Umgekehrt, ist zum Beispiel die Temperatur \u00fcber 36 Grad und weiter steigend, dann k\u00fchlt sie umso mehr, je st\u00e4rker die Temperatur ansteigt. Das Wasser bleibt nach einer Weile auf K\u00f6r- pertemperatur. Lisa ist gl\u00fccklich. Sie hat die Pr\u00fcfung bestanden. Lisa spielt zwar jetzt nicht mehr im Sandkasten, aber die Situation des Ther- 214","mostats ist mit derjenigen im Sandkasten durchaus vergleichbar: Umfeld: Statt des Sandkastens hat Lisa einen mit Wasser gef\u00fcllten Raum. W\u00fcnschbarer Prozess: Statt eine Sandburg zu bauen, will sie die Ziel- temperatur erreichen. Katalysator 1: Statt eines Plastik- eimers hat sie einen Temperatur- messapparat zur Verf\u00fcgung. Katalysator 2: Als Metabolismus fungiert eine W\u00e4rmequelle, die mit dem Messapparat gekoppelt ist. Katalysator 3: Ist die Kopplung zwischen Messapparat und W\u00e4rme- quelle richtig eingestellt und ist die 215","W\u00e4rmequelle stark genug, damit sie Schwankungen der Zimmer- temperatur auch wirklich ausgleich- en kann, entsteht emergent eine konstante Struktur im Raum, ein geordnetes Zusammenspiel von Messapparat und W\u00e4rmequelle mit harmonischen Temperatur- schwankungen um die Zieltemp- eratur. Das Entscheidende beim Thermostat ist die Kopplung zwischen den beiden Katalysatoren Messapparat und W\u00e4rme- quelle. Schon beim Sandkasten war die richtige Kopplung zwischen Katalysator 1 (Eimer) und Katalysator 2 (Streitschlicht- ung und weitere Ausgleichsma\u00dfnahmen) 216","ein entscheidender Erfolgsfaktor f\u00fcr die Emergenz von Katalysator 3, der stabilen Substruktur (der eigentlichen Sandbur- genfabrik). Beim Sandkasten wie beim Thermostat operieren alle drei Kata- lysatoren v\u00f6llig unterschiedlich: Kata- lysator 1 operiert anders als Katalysator 2 (der Plastikeimer funktioniert anders als die Streitschlichtung, die Temperatur- messung anders als die W\u00e4rmequelle), und Katalysator 3 operiert nochmals v\u00f6llig anders: Durch das richtige Zusammen- wirken von Katalysator 1 und 2 entsteht sowohl im Sandkasten als auch beim Thermostat eine v\u00f6llig neuartige stabile Substruktur, die den jeweilig gew\u00fcn- 217","schten Prozess im Prinzip endg\u00fcltig perpetuiert. Die Analogie des geistigen und des physikalischen Raums \u21a9 F\u00fcr die Tatsache, dass es gerade drei v\u00f6llig unterschiedlich operierende Kata- lysatoren sind, die den gew\u00fcnschten Prozess am Leben erhalten, gibt es eine sehr anschauliche Vorstellung aus der Physik: den dreidimensionalen Raum. Stellen Sie sich dazu vor, jeder der drei Katalysatoren operiere unabh\u00e4ngig von den anderen entlang einer eigenen Raum- dimension. Vergegenw\u00e4rtigen Sie sich da- zu zum Beispiel die Ecke eines Hauses, das an der Kreuzung zwischen Land- und 218","Stadtstra\u00dfe gebaut ist. Die Landstra\u00dfe ist die Dom\u00e4ne von Katalysator 1, im Sand- kastenbeispiel von unserem Plastikeimer. Die Stadtstra\u00dfe wird von Katalysator 2, dem Metabolismus, in Beschlag genom- men. Die senkrechte Hausecke geh\u00f6rt Katalysator 3, der emergenten Struktur, die im Sandkastenbeispiel f\u00fcr die eigent- liche \u00abSandburgenfabrik\u00bb steht. Stellen Sie sich in dieser dreidimensionalen An- ordnung folgende Bewegung vor: Immer, wenn Katalysator 3, die \u00abSandburgen- fabrik\u00bb, eine neue Sandburg erstellt hat, r\u00fcckt dieser ein St\u00fcck weiter an der Haus- ecke nach oben. Da Katalysator 3 sich nicht verbraucht, kann er diese Bewegung im Prinzip endlos weiterf\u00fchren und sich 219","jedes Mal nach getaner Arbeit an sich selbst anschlie\u00dfen, einen immer l\u00e4ngeren Stapel von imagin\u00e4ren \u00abSandburgenfab- riken\u00bb bildend. Das gesamte Bild, das dabei entsteht, ist ein sich dreidimen- sional ausbreitender Stapel von imagi- n\u00e4ren Katalysatoren, die neben ihrer Bewegung nichts anderes tun, als unauf- h\u00f6rlich \u00abSandburgen\u00bb im immer gleichen Takt zu produzieren. Dieses Bild der Aufspannung eines drei- dimensionalen L\u00f6sungsraumes f\u00fcr unser Problem \u2013 wie ein w\u00fcnschbarer Prozess am Leben erhalten werden kann \u2013 bringt uns auf folgenden Vernetzungsgedanken. F\u00fcr die L\u00f6sung eines \u00abgeistigen\u00bb Pro- blems, zum Beispiel wie Lisa zu ihren 220","Sandburgen kommt, sind wir auf ein bio- logisches Muster gesto\u00dfen: Katalysatoren, die in drei Dimensionen operieren. L\u00e4sst sich dieser Gedanke noch weiterspinnen? Gibt es dazu gar ein noch grundlegend- eres Muster? Ein Muster, das wir viel- leicht in der elementarsten Physik des dreidimensionalen Raums wiederfinden? Physiker kennen im Wesentlichen einen wichtigen physikalischen Prozess, der sich gleichm\u00e4\u00dfig im dreidimensionalen Raum ausbreitet und ganz von selbst endlos weiterl\u00e4uft: die Ausbreitung von Licht. Kann es sein, dass die Ausbreitung von Licht nach dem gleichen Muster abl\u00e4uft, wie Lisa zu ihren Sandburgen kommt? Kann es sein, dass der Geist das gleiche 221","Muster verwendet, um einen von ihm gew\u00fcnschten Prozess zum Leben zu er- wecken und am Leben zu erhalten, wie Licht, das sich im Raum ausbreitet? Wenn das so w\u00e4re, dann w\u00e4ren wir auf das zen- tralste verbindende Muster von Geist und Natur gesto\u00dfen, welches es \u00fcberhaupt g\u00e4be: Der Geist schafft sich einen L\u00f6s- ungsraum nach dem gleichen Muster wie sich Licht in der Natur ausbreitet. Im Moment trauen wir uns noch nicht zu einzusehen, ob diese Analogie mit der Lichtausbreitung sogar bis ins Detail stim- mig ist. Wir sind ja keine Experten in Elek- trodynamik. Das m\u00fcssen wir auch nicht werden. Aber mit einer klitzekleinen An- strengung werden wir gleich in der Lage 222","sein diese Verbindung herzustellen. Betrachten wir dazu wieder den Thermos- tat von vorhin. Dessen Prinzip kennen wir ja bereits. Haben wir aber den Thermos- tat begriffen, ist auch die Lichtausbreit- ung nicht mehr schwer. Beim Thermostat war Katalysator 1 die Temperaturmes- sung und Katalysator 2 die W\u00e4rmequelle, welche beide gekoppelt sind. Bei der Lichtausbreitung haben wir es mit einer elektromagnetischen Welle zu tun. Es gibt also ein elektrisches Feld und ein magnet- isches Feld, die sich beide gegenseitig be- einflussen. Die Rolle von Katalysator 1 \u00fcb- ernimmt hier die Ver\u00e4nderung des elekt- rischen Felds und die Rolle von Katalysa- tor 2 die \u00c4nderung des magnetischen 223","Felds. Beim Thermostat war Katalysator 1 mit Katalysator 2 gekoppelt: die Temper- aturmessung war mit der W\u00e4rmequelle gekoppelt. Vom Prinzip her v\u00f6llig gleich verh\u00e4lt es sich bei der Lichtausbreitung: Die \u00c4nderung des elektrischen Felds ist immer eins zu eins mit der \u00c4nderung des magnetischen Felds gekoppelt. [11] Jede \u00c4nderung im elektrischen Feld wird durch eine \u00c4nderung im magnetischen Feld aus- geglichen und umgekehrt. Dabei entsteht eine stabil fortschreitende Welle: die elektromagnetische Welle. Die dreidimen- sionale Ausbreitung des Lichts l\u00e4sst sich jetzt folgenderma\u00dfen veranschaulichen: Die beiden Feldst\u00e4rkevektoren \u2013 das elek- trische und das magnetische Feld \u2013 steh- 224","en immer senkrecht aufeinander. Und die aus der Kopplung dieser beiden Felder (emergent) entstehende elektromagnet- ische Welle breitet sich entlang einer Ach- se aus, die wieder senkrecht auf diesen beiden steht. Fig. 1 [12] 225","Wieder haben wir eine vergleichbare Katalysatorkonstellation, wie wir sie schon bei Lisas \u00abSandkasten\u00bb oder beim \u00abThermostat\u00bb vorgefunden hatten: Umfeld: Statt des Sandkastenum- felds oder der Thermostatsituation haben wir eine Konstellation von elektrischen und magnetischen Ladungen. W\u00fcnschbarer Prozess: Statt den Sandburgenbau oder die Bewegung hin zur Zieltemperatur haben wir eine ganz einfache physikalische Wirkung, die erzielt werden soll. Katalysator 1: Statt des Plastikeim- ers oder der Temperaturmessung haben wir die \u00c4nderung der elekt- 226","rischen Feldst\u00e4rke. Katalysator 2 (Metabolismus): Statt der Streitschlichtung oder der W\u00e4r- mezufuhr haben wir die \u00c4nderung der magnetischen Feldst\u00e4rke. Katalysator 3 (Emergenz): Statt der stabil funktionierenden Sandbur- genfabrik oder der harmonischen Temperaturschwankungen um die Zieltemperatur haben wir eine elektromagnetische Welle, die ent- lang einer senkrecht zur elektrisch- en und magnetischen Feldst\u00e4rke ausbreitenden Raumdimension entsteht. Diese Analogie zur Physik des Lichts lie\u00dfe sich noch weiter vertiefen, wir wol- 227","len es hier aber dabei belassen. Nur auf eine ganz bestimmte Eigenschaft dieser Lichtausbreitungsanalogie m\u00f6chte ich Sie hier noch hinweisen. Auf den Umstand n\u00e4mlich, dass f\u00fcr ein Photon, also ein Lichtpartikel, das wir uns auf der elektro- magnetischen Welle reitend vorstellen k\u00f6nnen, die Zeit vollst\u00e4ndig verschwindet. Dem ber\u00fchmten deutschen Physiker Albert Einstein (1879-1955), auf welchen diese Erkenntnis zur\u00fcckgeht, wird nach- gesagt, er h\u00e4tte sich schon als kleiner Junge vorgestellt, wie es denn w\u00e4re, auf einem Lichtstrahl reitend durch das Weltall fliegen zu k\u00f6nnen. Als Erwachs- ener hat er 1905 mit seiner speziellen Relativit\u00e4tstheorie [13] die Antwort dar- 228","auf gefunden: F\u00fcr eine Beobachterin, die mit Lichtgeschwindigkeit fliegt, w\u00fcrde die Zeit stehen bleiben, sie w\u00fcrde f\u00fcr sie voll- st\u00e4ndig verschwinden. Gut m\u00f6glich, dass Sie schon von diesen sonderbaren Zeitdehnungs- und Kompres- sionseigenschaften bewegter physikal- ischer Teilchen geh\u00f6rt haben, wie sie die spezielle Relativit\u00e4ts-theorie voraussagt. Aus dieser Theorie folgt, dass die Zeit um- so langsamer vergeht, je schneller wir uns fortbewegen. W\u00fcrde eine Raumfahrerin zum Beispiel einen, wenige Lichtjahre ent- fernten Stern aufsuchen und w\u00fcrde ihr Raumschiff dazu nahezu Lichtgeschwin- digkeit erreichen, dann w\u00e4re sie bei der R\u00fcckkehr zur Erde nur einige Jahre gealt- 229","ert. Die Erde w\u00fcrde sie aber kaum wieder- erkennen, da diese Jahrzehnte \u00e4lter ge- worden w\u00e4re. K\u00f6nnte die Raumfahrerin die volle Lichtgeschwindigkeit erreichen, w\u00fcrde f\u00fcr sie die Zeit g\u00e4nzlich stillstehen. (Aus der speziellen Relativit\u00e4tstheorie folgt jedoch, dass es f\u00fcr massive Teilchen \u2013 wie Raumfahrer es sind \u2013 unm\u00f6glich ist, die volle Lichtgeschwindigkeit zu erreich- en. F\u00fcr eine solch starke Beschleunigung w\u00fcrde unendlich viel Energie ben\u00f6tigt, die es nat\u00fcrlich nicht gibt. Masselose Teilchen, wie Lichtpartikel, erreichen jedoch sehr wohl Lichtgeschwindigkeit, was bedeutet, dass f\u00fcr sie die Zeit still- steht.) Wie gesagt, m\u00f6glicherweise haben Sie von diesen sonderbaren Erkenntnissen 230","aus der Physik schon geh\u00f6rt. Vielleicht dachten Sie sich dabei: Das mag f\u00fcr die Raumfahrt oder irgendeine andere Spitz- entechnologie relevant sein, es hat aber bestimmt nichts mit mir direkt zu tun, da ich ohnehin nie auf Lichtstrahlen durchs Weltall reisen werde! Mit den hier gemachten Analogien wird dieser Gedanke aber schon viel greifbarer f\u00fcr uns. Schon in Kapitel 4 hatten wir Situ- ationen beschrieben, bei denen unsere Zeit im Flug vergeht. Situationen, in den- en wir uns so stark mit unserer Aufgabe identifizieren, dass wir eins werden mit uns und der Welt. Und dabei die Zeit komplett verschwindet. 231","Auch unsere dreij\u00e4hrige Lisa ist in diese Situation geraten. Mit der Analogie zum Lichtstrahl und den drei Katalysatoren hatten wir f\u00fcr Lisa einen Plan entwickelt, wie sie es anstellen konnte, in ihren ge- w\u00fcnschten Zustand zu gelangen: Zuerst sich auf die Suche nach ein- em Katalysator im Umfeld machen (Plastikeimer). Dann einem genug m\u00e4chtigen Metabolismus suchen (die Hilfe der Mutter). Diesen solange verst\u00e4rken, bis sich Emergenz (ein stabiles Umfeld) ein- stellt. 232","Wenn Lisa dieses Ziel erreicht hat, ver- geht ihre Zeit im Flug. Sie nimmt sie nicht mehr wahr. Die Zeit verschwindet. Da sie \u2013 ganz gleich wie das Lichtpartikel auf der elektromagnetischen Welle \u2013 vollst\u00e4ndig mit sich und der Welt eins geworden ist und sich so ihren innigsten Wunsch er- f\u00fcllen kann: Ihr Geist hat sich seinen eigenen Raum zum Leben erschaffen \u2026 \u2026 bis sie wieder abrupt aus diesem zeitvergessenen Zustand herausgerissen wird: Sie muss dringend pinkeln oder hat Durst und wird von ihrer Mutter nach- hause gebracht. Lisa wird wieder absor- biert von einer anderen Realit\u00e4t, und wird so von der Zeit zur\u00fcckgeholt in ihre gewohnte Lebensumgebung hinein. Es 233","ergeht ihr gleich, wie es auch Lichtstrahl- en ergeht, die \u2013 nach ihrem Ritt durch die Weiten des Weltalls \u2013 urpl\u00f6tzlich an einen Schwarzen K\u00f6rper sto\u00dfen, der sie voll- st\u00e4ndig absorbiert, sie so aus ihrem \u00abzeit- vergessenen\u00bb Zustand herausrei\u00dft und \u00abauf den Boden der Realit\u00e4t\u00bb, d.h. die normale Wechselwirkung mit anderen Teilchen, zur\u00fcckholt. 234","Zusammenfassung Kapitel 5 \u21a9 Wie kommt es dazu, dass uns etwas ge- lingt? Und wieder gelingt? Wie wird ein f\u00fcr uns (im Alltag) w\u00fcnschbarer Prozess ins Leben gerufen und erhalten? Wir ver- suchen dazu von den kleinsten Lebewe- sen, den biologischen Zellen, zu lernen. Diese setzen zu diesem Zweck Biokata- lysatoren ein. Katalysatoren zeichnen sich durch drei Eigenschaften aus: Erstens: In einem Umfeld l\u00e4uft be- reits ein Prozess auch ohne den Katalysator ab. Zweitens: Wird der Katalysator dem Umfeld zugef\u00fcgt, dann beschleunigt sich dieser Prozess. 235","Drittens: Der Katalysator ver- braucht sich nicht, w\u00e4hrend er den Prozess beschleunigt. An einem Beispiel mit Kindern, die in einem Sandkasten spielen, erkennen wir, dass es drei grundlegend verschieden operierende Katalysatoren braucht, um einen Prozess ins Leben zu rufen und zu erhalten. Die Kinder m\u00f6chten zusammen eine Sandburg bauen. Der erste Kata- lysator (ein Plastikeimer) operiert im Um- feld direkt. Er ruft quasi den Prozess (des Sandburgenbaus) ins Leben. Der zweite Katalysator (ein Ausgleich f\u00fcr m\u00fcde wer- dende Kinder) wirkt indirekt am Umfeld. Als Metabolismus schafft er einen Aus- gleich zu Erm\u00fcdungserscheinungen des 236","Umfelds. Ist der Metabolismus stark ge- nug, entsteht der dritte Katalysator (die harmonische Kooperation aller Kinder) emergent als stabile Substruktur. Diese bildet sich als Zusammenspiel aller Kom- ponenten im Umfeld aus und h\u00e4lt den Prozess im Prinzip endlos am Leben. F\u00fcr die Tatsache, dass es gerade drei unter- schiedlich operierende Katalysatoren sind, die den gew\u00fcnschten Prozess am Leben erhalten, gibt es eine anschauliche Vorstellung aus der Physik: den dreidi- mensionalen Raum. Wir stellen uns dabei vor: Alle drei Katalysatoren operieren entlang einer eigenen Raumdimension, die alle senkrecht aufeinander stehen. Zu diesem imagin\u00e4ren L\u00f6sungsraum k\u00f6nnen 237","wir jetzt stimmige Analogien zur Licht- ausbreitung im dreidimensionalen Raum bilden. Wir erkennen das zentralste Ver- bindungsmuster zwischen Geist und Natur: Der Geist erschafft sich einen L\u00f6sungsraum nach dem gleichen Muster wie sich in der Natur Licht ausbreitet. 238","Kapitel 6 Wie kommt Ordnung in unser Leben? \u21a9 Einfach mal in den \u00abModus Esel\u00bb schalten \u21a9 \u00abAb diesen Zeitpunkt ging es langsam wieder bergauf mit mir!\u00bb Thomas \u2013 nennen wir ihn hier so \u2013 war sichtlich froh, seine Geschichte endlich jemand erz\u00e4hlt zu haben. Der eigentliche Grund f\u00fcr Thomas\u2018 Depression war wohl der \u00fcberraschende Tod seines Vaters ge- wesen. Einige Jahre trug er diese mit sich herum, doch pl\u00f6tzlich verliebte er sich in Sabine. \u00abIch wollte Pl\u00e4ne schmieden f\u00fcr 239","unsere gemeinsame Zukunft, ihr positiv entgegensehen. Doch die Depression zog mich immer wieder hinab.\u00bb Dann, eines Tages w\u00e4hrend seiner Sommerferien war Sabine f\u00fcr ein paar Tage gesch\u00e4ftlich ins Ausland vereist, und Thomas also allein in ihrer Wohnung. \u00abIch war so naiv, Mag- nus\u00bb, Thomas\u2018 trauriger und zugleich auch fr\u00f6hlicher Gesichtsausdruck bei dieser Erz\u00e4hlung bleibt mir unvergesslich, \u00abich dachte, ich k\u00f6nnte die Zeit von Sabines Abwesenheit dazu nutzen, mir meine De- pression einfach \u201awegzudenken\u2018. Ich sagte mir: Ich gehe jetzt nicht aus dieser Wohn- ung hinaus, bevor diese dumme Depres- sion nicht weg ist! Den ganzen Tag sa\u00df ich da und wollte sie mit meinen schieren Ge- 240","danken \u201awegzwingen\u2018. Als auch nach drei Tagen nichts passiert war, plagten mich wieder meine altbekannten Gef\u00fchle des Scheiterns. Ich war noch niedergeschlag- ener als vorher. Schon wollte ich auf- geben, als ich einen letzten Einfall dazu hatte.\u00bb \u00abWelchen?\u00bb \u00abIch dachte, ich k\u00f6nnte ja mal Sabine fragen, was sie dazu meint!\u00bb \u00abLiegt eigentlich auf der Hand, oder?\u00bb \u00abJa Magnus, aber sonderbar, schon bei diesem Gedanken allein durchstr\u00f6mte eine gro\u00dfe Erleichterung meinen ganzen K\u00f6rper. Eine gro\u00dfe Anspannung viel von 241","mir ab. Die Depression war zwar auch nachher noch lange und zuweilen heftig da, aber wenn ich zur\u00fcckblicke, war es genau dieser Zeitpunkt, ab welchem es langsam wieder aufw\u00e4rts ging mit mir.\u00bb \u00abUnd? Hast du mit Sabine dar\u00fcber gesprochen?\u00bb \u00abNein, ich konnte mit Sabine nicht dar\u00fcber reden. Sie war wohl nicht die Richtige f\u00fcr mich. Wir trennten uns bald darauf.\u00bb \u00abDann verstehe ich nicht: Was war es denn eigentlich, das dir diese Erleichter- ung brachte?\u00bb 242","\u00abEs war das erste Mal, als ich ernsthaft in Betracht zog, mich in dieser Sache dem Rat einer anderen \u201aauszuliefern\u2018 \u2013 statt immer alles selbst beherrschen und ,er- zwingen\u2018 zu m\u00fcssen.\u00bb Die Schwierigkeit, mit welcher Thomas hier zu k\u00e4mpfen hatte: der \u00fcberraschende Tod seines Vaters. Kronos\u2018 Sense hatte damals v\u00f6llig unerwartet zugeschlagen. Darauf war er nicht vorbereitet gewesen. Das sollte ihm nicht noch einmal pas- sieren. Von einem unvorhergesehenen Schicksalsschlag wollte er sich nicht mehr \u00fcberraschen lassen. Daher seine fixe Idee, alles beherrschen und \u00aberzwingen\u00bb zu m\u00fcssen. Mit dem Resultat, dass er mit jeder Erfahrung des Scheiterns diesbe- 243","z\u00fcglich nur noch st\u00e4rker in die Depression zu versinken drohte. Erleichterung brachte Thomas die Ein- sicht, nicht alles selbst beherrschen zu m\u00fcssen. Die Einsicht, dass auch andere einen erheblichen Beitrag dazu leisten, ob es ihm gut ging oder nicht. Dieser Beitrag war f\u00fcr ihn nicht berechenbar, er musste ihn erfragen. Hier war er ausgeliefert, aber gleichzeitig befreite ihn diese M\u00f6g- lichkeit auch von der Last, alles selbst kontrollieren zu m\u00fcssen. Thomas wollte seine Depression weg- haben und stattdessen Pl\u00e4ne f\u00fcr seine Zukunft schmieden. Er wollte wieder Ord- 244","nung in sein aus dem Lot geratenes Leben bringen. Vergleichen wir dies mit einer anderen, durchaus \u00e4hnlich gelagerten Geschichte einer \u00abPers\u00f6nlichkeitsentwicklung\u00bb, um zu sehen, wie man das m\u00f6glicherweise schaffen kann. Mit der Technik unseres mittlerweile vertrauten Perspektiven- wechsels fragen wir dabei: Gibt es \u2013 auch aus fr\u00fcheren Kapiteln bekannte \u2013 Ord- nungsmuster aus der Natur, die uns ein besseres Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr liefern, wie wir erfolgreich Ordnung in unser Leben bringen k\u00f6nnen? Andreas ist ein erfolgreicher Industrie- manager. [14] Er hat von seiner \u00c4rztin ge- 245","rade die Diagnose \u00abBurnout\u00bb erhalten und wird in eine Klinik eingewiesen. Burn- out wird oft begleitet durch starke De- pressionszust\u00e4nde. Um Andreas etwas besser kennenzulernen, lassen wir ihn kurz selbst sprechen: \u00abIn den ersten Wochen nach mein- em Eintritt in die Klinik signalisier- ten mir meine Gef\u00fchle und mein Verstand, dass die Therapien und die Skills-\u00dcbungen [15] wohl bei an- deren Patienten n\u00fctzen m\u00f6gen, aber nicht bei mir. Ich beteiligte mich daher nur passiv und wies in- nerlich alles ab, ich schlenderte sprichw\u00f6rtlich dahin. Dass dieses Verhalten Teil meiner Krankheit 246","war, habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht erkannt. Eines Tages sa\u00df ich in der Cafeteria, als ein anderer Patient den Klinik- Esel mit einem Sack auf dem R\u00fcck- en drau\u00dfen vorbeif\u00fchrte. Der Esel folgte ihm, einfach so, ohne zu hin- terfragen. Diese Beobachtung l\u00f6ste bei mir eine zwar im Nachhinein ba- nale, f\u00fcr meine Zukunft jedoch sehr entscheidende Einsicht aus. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Der Esel wusste nicht, wohin es ging und was er mit dem Sack auf sein- em R\u00fccken sollte. Er vertraute sein- em F\u00fchrer und ging einfach mit. Ich fragte mich pl\u00f6tzlich, wieso ich eig- 247","entlich die Experten und Therapien hinterfragte. Bei k\u00f6rperlichen Prob- lemen vertraute ich ja auch mein- em Arzt. Selbst ich, als F\u00fchrungs- kraft in einem Industrieunternehm- en, war immer ,allergisch\u2018 auf die selbsternannten Experten. ,Das ist es! Vertraue auch du den Thera- peuten und tu einfach, tu es regel- m\u00e4\u00dfig, was sie empfehlen und halte durch! Sie haben die Erfahrung, was hilft, nicht du!\u2018, sagte ich mir. Trotz Depression sp\u00fcrte ich, dass durch dieses Tu-es-einfach die Therapien langsam Wirkung zeigten.\u00bb Erinnern wir uns an die beiden Zeitge- stalten Kronos und Kairos aus Kapitel 4. 248","Sowohl Kronos als auch Kairos repr\u00e4sen- tieren je zwei Begegnungsarten mit der Welt. Die zwei Extremformen von Kronos: das abrupte Zuschlagen mit der Sense und das gem\u00e4chliche M\u00e4hen einer Wiese \u2013 auf die eine Art erfahren wir die Welt als v\u00f6l- lig unberechenbar, auf die andere haben wir sie maximal unter Kontrolle. Kairos hingegen steht f\u00fcr M\u00f6glichkeiten zwischen den beiden Kronos-Extremen, zwischen dem abrupten Sensenschlag \u2013 der v\u00f6lligen Unberechenbarkeit \u2013 und dem M\u00e4hen \u2013 dem v\u00f6lligen Beherrschen. Es gibt einen optimalen Zeitpunkt, den wir nutzen oder auch verpassen k\u00f6nnen. Dieser ist halb berechenbar, halb nicht. Das er\u00f6ffnet uns Gestaltungsm\u00f6glich- 249","keiten. Wir selbst k\u00f6nnen mit dazu bei- tragen, Kairos am Schopf zu packen. Auch Kairos k\u00f6nnen wir auf zwei verschiedene Arten sehen: Von vorne gesehen repr\u00e4- sentiert er einen hoffnungsvollen Grund- zustand, die Chance, die sich immer schon anbahnt. Von hinten repr\u00e4sentiert er einen niedergeschlagenen, depressiven Grundzustand, die Chance, die immer schon verpasst ist. Von Thomas wissen wir, dass ihm Kronos\u2018 abrupter Sensenschlag zu schaf- fen macht \u2013 der unerwartete Tod seines Vaters. Er sieht zwar seine Gestaltungs- m\u00f6glichkeiten, er hat Pl\u00e4ne f\u00fcr sein Leb- en, er sieht Kairos. Aber viel zu selten von vorn, viel zu oft von hinten, er verf\u00e4llt 250"]
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